Der schwere Weg zur Deutschen Meisterschaft. Hein wird der Urlaub verwehrt. Er täuscht einen Unfall vor und fährt nach Duisburg. Er gewinnt und wird Deutscher Meister! [1899]
Baldus ging durch die Halle. Er war ein hagerer Mann, der den Kopf etwas hoch trug.
An der linken Wand drehte sich in einem Eisengerüst ein riesiger Haspel, ein graubewickeltes Kabel aufnehmend. Einige Meter davor bewegte Hein einen Schlitten, durch den das Kabel zum Haspel lief, langsam vor- und rückwärts. Beim Stoßen glich seine Haltung der eines Mannes, der einen beladenen Karren schiebt, während er bei der Rückwärtsbewegung an einen Tauzieher erinnerte.
Baldus betrachtete Hein aufmerksam und war befriedigt. Für diesen Kraftmeier war das schließlich die einzig geeignete Arbeit. Es war schwer genug geworden, ihn, der von seinem Vater natürlicherweise in jeder Hinsicht bevorzugt worden war, dahin zu bringen.
Hein sah ihm mit ärgerlicher Miene nach. Wie er diesen Menschen hasste! Eine Verbesserung an seiner Verseilmaschine hatte er einfach übersehen, als ob das selbstverständlich wäre. Fortwährend wurde er schikaniert, wo er gehofft, ein Wort der Anerkennung zu finden. Was wollte er nur von ihm? Dass an seiner Verseilmaschine eine Schraube abgerissen war, wodurch sich die Feder verbogen und Drähte verwickelten, das konnte nicht der wahre Grund der Versetzung sein. Das war anderen Kollegen auch schon passiert.
Der Schlitten war schwer und klebte förmlich auf dem rauen Support. Und die Kabelwindungen mussten dicht nebeneinander gereiht werden.
„Na, Hein?“, kam einer vorbei: „Machst Du morgen das Rennen?“ Hein lachte grimmig: „Ich kann ja nicht!“
„Nanu?“, der Fragende ging weiter.
„Verflucht!“ Es war zum Verzweifeln! Morgen wurde in Duisburg die deutsche Meisterschaft ausgetragen. So nah, es kostete nicht allzu viel Fahrgeld. Der Verein hatte ihn zwar gemeldet, aber er konnte ja nicht hin. Seit der Versetzung wurde ihm der Samstag, oder montags schon mal erbetener Urlaub kategorisch verweigert, trotzdem er die Stunden des Geldes wegen doch nachholte.

Die Aufmerksamkeit, die er der Arbeit widmen musste, und brenzlicher Ölgeruch hinderten ihn, seinen Gedanken, deren er seit vielen Tagen nicht mehr Herr werden konnte, richtig nachzugehen Seine Augen waren gerötet, das Gesicht gespannt. Zu allem Ärger klagte auch noch Else über Vernachlässigung. Alles ging ja noch, ließe sich so oder so ändern. Jedoch den Verzicht, sich mit den Besten des Landes zu messen, würde er nicht ertragen. Seit Tagen grübelte er schon und fand keinen Schlaf mehr.
Als das Pausenzeichen ertönte, hatte sein Hirn sich zu einem Entschluss durchgemartert. Ich will hin! Heute muss ich einen Weg finden!
Er setzte sich allein zwischen zwei Spinde, aß ein paar Bissen, um sich dann gegen die kühle Mauer zu lehnen. Wie sollte er hinkommen, ohne die Arbeit zu verlieren? Er simulierte, welche Griffe er bei den Favoriten anwenden solle, unbedingt verschiedene, am besten ein paar neue. Wie wenn man Kopfzug vortäuscht und den Arm ergreift, den der Gegner dann gegen die Schulter stemmen will. Oder wenn man dem Rivalen, der Untergriff fassen will, einen Arm einklemmt, bevor er ganz durch ist, und ihn über die Seite zu Boden zieht, sich im Fallen mit ihm drehend? –
Aber auf welche Art sollte er hinkommen?! Es war Hein, als durchbohrten hunderte Nadeln seinen Schädel. Er setzte sich aufrecht, sank wieder nach hinten. Vor seinen Augen begann sich alles zu drehen. Er wollte aufspringen, fühlte sich aber gelähmt und hob einen Arm. Langsam schwanden ihm die Sinne.
Hein fühlte sich hart angefasst und gehoben, vernahm fernes Brummen, blickte wie trunken auf: „Was ist denn?“ Wasser spritzte in sein Gesicht.
Die Kollegen tobten: „Du wirst noch verrückt mit Deinem Sport!“
„Ach so!“, besann sich Hein: „War ich schwach?“
„Wegen Uhren, die nicht gehen“, spottete Krüger.
„Und kupferne Medaillen gibt man Euch als Gold!“
„Deshalb ist das Ringen doch schön und gesund!“, verteidigte Hein sich schwach, während er noch gehalten wurde.
„Haha!“ „Haha!“
„Gesund!“
„Und dabei wird er ohnmächtig!“ Belustigtes Murmeln wurde laut. „Geschäfte machen sie mit Euch!“
Hein hörte nicht mehr hin, stand sinnend. – Ohnmächtig war er! – Das gab ihm einen rettenden Gedanken ein. Er musste Krankheit vortäuschen! Aber wie?
Die letzten sich den Maschinen zuwendenden Arbeiter sahen sich besorgt nach ihm um. Sein Blick blieb an einem verschmutzten Plakat hingen. ‚Gewerbeordnung‘ stand oben. Eine Ecke hing etwas herunter. Da fehlte ein Nagel. Er überlegte – ein Nagel! Auf den Fensterbrettern pflegten Nägel herumzuliegen. Sicher würde er einen passenden finden.
Aufatmend ging er mit seiner Kaffeekanne zum Fenster. Natürlich, da lagen unter anderem ein paar ½-zöllige ‚Blauköpfe‘.
Hein sah, sich hochreckend, weit in die Halle, ob der Meister sichtbar sei, trank einen Schluck, mit dem Daumen den Deckel herabstoßend. Mit einem leichten Tritt beförderte er ihn unter die Bank an den Anfang des Ganges. Nachdem er beim Aufheben einen Nagel mit dem Kopf nach unten auf die Erde gestellt hatte, brachte er seine Kanne zum Fenstersims.
Er presste die Zähne zusammen. Jetzt musste es geschehen! Rüstig schritt er aus, trat fest in den Nagel. „Au!“, schrie er auf: „Au weh!“, hüpfte zurück auf die Bank.
Krüger eilte hinzu: „Hast Du aber ein Pech heute!“
Der Nagel war durch das fast abgelaufene Holz der alten Pantine tief in die Ferse gedrungen. Wie das schmerzte! „Verdammt noch mal!“
„Es wird doch nicht schlimm werden?“, sorgte sich Krüger.
„Wollen es nicht hoffen.“ Bloß vor Montag nicht, fügte Hein in Gedanken hinzu. Unter Zuhilfenahme einer Eisenstange humpelte er fort, um im Büro einen Krankenschein zu fordern[1].
Trotz der Schmerzen hatte er aufschreien mögen vor Freude. – Ein Soda- und ein Karbolbad! Es wird ja nicht schlimm werden, bangte er ein wenig. Und morgen früh geht‘s mit dem ersten Zug nach Duisburg!
* * *
Den langgestreckten Saal des Etablissements ‚Burgacker‘ in Duisburg durchbrauste Beifall.
„Sieger Felseck, Mühlberg am Rhein, über Oettinger, Stuttgart“, verkündete der Kampfrichter.
Resigniert den Kopf schüttelnd trat Oettinger, ein gut gebauter, kraftstrotzender Mann von gut 200 Pfund, ab; gefolgt vom schweißtriefenden Hein.
Hein setzte sich zwischen die Kulissen. Athleten und Leute in Straßenkleidung kamen mit Fragen und Bemerkungen.
„Der Dritte oder Vierte ist Ihnen sicher!“
„Wie schwer sind sie?“
„Allerhand! Das sieht man Ihnen gar nicht an!“
Ein Mann mit einem Notizblock fragte ihn: „Was sind Sie von Beruf?“
Hein beachtete sie nicht. Aufmerksam verfolgte er das jetzt kämpfende Paar. Vielleicht hatte er eine halbe Stunde Ruhe. Wer würde ihm dann entgegentreten?
Der Münchener Maier war nur wenig schwerer als er, schnell und hart. Hein fasste Untergriff, vermochte ihn nicht durchzuführen, bemerkte aber, dass der Gegner durch die Anwendung desselben in eine, an Nervosität grenzende, Unruhe geraten war. So nahm er sich vor, den Griff, falls ihm der Sieg nicht eher gelinge, öfter zu versuchen, und, wenn er nicht gleich gut sitze, wieder loszulassen. Beim Abtasten hielt Maier jetzt immer einen Oberarm fast dicht an den Körper.
Hein glaubte, wieder eine Gelegenheit erspäht zu haben, und fasste das vierte Mal Untergriff. Im Publikum erhob sich Lachen!
Dann gab er die Spekulation auf den Griff scheinbar auf. Vielleicht konnte er damit den Gegner täuschen.
Die Sorge Maiers ließ nach, denn Felseck wandte nun, so wie er selbst, immer wechselnde Griffe an.
Hein bemerkte, dass dieser nun seinem Tempo schwer zu folgen vermochte, fuhr ihm plötzlich blitzschnell unter die Schultern, und brachte ihn sicher auf den Rücken.
„Donnerwetter!“, rief jemand. „Er hat es doch durchgesetzt.“ Hein empfand mit Besorgnis, dass er sich bei diesem Kampfe sehr erschöpft hatte. Der Fuß schmerzte, als stecke etwas darin. Wenn es bloß nicht mehr werden wollte, sodass es ihm beim Kampfe allzu empfindlich stören würde.
‚Grandpair‘[2], der mit stoischer Ruhe rang und trotzdem flink war, zeigte sich dem Favoriten Eberhard überlegen. Hein war verblüfft. Das hatte er dem etwas weichlich aussehenden Süddeutschen, dessen Vordringen zu den Endkämpfen er in erster Linie dem hohen Gewicht zuschrieb, nicht zugetraut.
Nun stand er selbst vor Grandpair. Dieser war 220 Pfund schwer, genau 50 Pfund mehr wie er selbst. Trotzdem zu siegen, war sein eiserner Wille. Fast alle Gegner hatte er mit verschiedenen Griffen besiegt. Nun scheute er sich, bei Grandpair einen neuen anzuwenden, den er im Verein schon ausprobiert hatte. War ihm doch kürzlich ein Sieg aberkannt worden, weil der Griff dem Schiedsrichter fremd war. Er durfte sich nicht der Gefahr aussetzen, auch hier die Ungnade der Richter oder gar Disqualifikation heraufzubeschwören. Unzweifelhaft schien es ihm aber, dass er seinen letzten Gegner nur mit einem Griff werde besiegen können, den dieser bei seinem Gewicht überhaupt nicht erwarten konnte.
Als Grandpair zur Mitte der Bühne vortrat, sang im Zuschauerraum eine Männerstimme: „Da steht ein Mann, so fest wie eine Eiche“, was große Heiterkeit hervorrief, die, so wie der Befehl zum Angriff erfolgte, von zahlreichen ermunternden Zurufen abgelöst wurde.
„Mutig ran, köllsche Jung!“
„Spar Deine Luft!“
Grandpair wusste: Felseck war zäh und offenbar gewitzt. Er musste vermeiden, die Wirkung seines Gewichtes durch tiefe Beugungen zu verringern; es andererseits aber voll einsetzen, um ihn zu ermüden.

Hein stellte fest, dass sein Rivale nicht mit überflüssigem Fett belastet und sehr hart war. Ungestüm ging er aber heran, vermied jedoch Griffe, die seine Hebekraft verraten konnten, zumal, da anzunehmen war, dass es Grandpair vorderhand gelingen werde, sie zu sprengen.
Er kam einige Male in bedrohliche Lagen, brachte auch den Gegner durch Armzug, indem er ihn bei Fesselung eines Armes mittels einer blitzschnellen Wendung auf seinen Rücken ladend niederwarf, in ernste Gefahr.
Er fühlte, dass seine Kräfte merklich nachließen, und legte sich auf Reserve, um dann alles auf eine Karte zu setzen.
Grandpair wurde bald ruhiger. Felsecks Temperament war durch seine Kraft und das Mehrgewicht gezügelt. Er mochte sich noch etwas abarbeiten. Er müsste, so oft er anfasste, sein Gewicht auf die Arme verlagern. Es würde sich schon eine günstige Gelegenheit bieten.
Hein spürte Schmerzen in den Knien und Ziehen in den Unterschenkeln, seine Ferse begann zu brennen. So entschloss er sich, seinen Gegner zu einen Armzug zu locken, und streckte tastend den Am vor.
Während der Gegner sich drehte, riss er sich kraftvoll los, fasste Untergriff von der Seite, hob den verzweifelt an seinen Händen Zerrenden, um ihn alsdann nach zweimaliger Umdrehung auf die Schultern zu schmettern.
Schwäche überfiel ihn, mächtig, unabweisbar! Wie ein Magnet zog der Boden ihn an. Er wankte, als er Grandpair die Hand reichte. Klatschen und Geschrei drang an sein Ohr, ins Gehirn, ihm Schmerzen verursachend. Dann hob er den Kopf, die Brust – Jetzt nicht Hinfallen! – Jauchzte es in ihm – Ich bin Sieger! – Deutscher Meister![3] Mit zitternden Knien trug er sich ein paar Schritte vor und breitete schwach die Arme aus, während sein übervolles Herz schrie: „Ich bin so glücklich!“
* * *
Ein Postbote trat in einen großen Schuppen. Es roch nach Leim. An den Längsseiten standen zwischen Hobelbänken Männer in Hemdsärmeln und blauen Schürzen, die hobelten und sägten. In der Mitte lagen auf von Böcken getragenen Brettern durch Zwingen zusammengehaltene Holzblöcke mit unregelmäßigen Rändern. Im Hintergrund puffte ein Motor.
„Herr Stadtverordneter Göbel!“, rief der Bote: „Ein Telegramm!“
„Aus Duisburg?“, sagte Göbel, indem er es öffnete. Bei jedem weiteren Wort schwoll seine Stimme an. „Felseck, Deutscher Meister! – Ankunft Dienstagabend! – Kraftheil Eberhard!“ Er streckte die Meldung mit beiden Händen hoch, wobei sie in der Mitte zerriss. „Unser Hein ist Deutscher Meister! – Hurra!“
„Mm“, murmelte ein Teil der Gesellen.
„Allerhand!“, ein anderer.
Ganz hinten kroch zwischen gelb und blau gestrichenen Modellen ein Junge hervor, starrte den Meister freudig gespannt an, der wieder rief! „Was sagt Ihr dazu, Leute!?“
Der Kleine hob ein Bein: „Hoch Heinrich! Hurra!“
„Alle Achtung!“
„Kolossal!“
„Für Euren Verein?“, ließen sich auch mehrere Gesellen wieder vernehmen.
„Aber was denn sonst!“ „Er hat‘s doch von mir gelernt!“ Mit weicher Stimme vollendete Göbel: „Darum macht er mir auch die Freude.“ Dann hob er den Arm, rief nach hinten, wo sich drehendes Holz krächzte: „Aufhören da, mit der Drechselei! Für heute wird Feierabend gemacht!“ „Junge, schnell! Mein Rad! Das soll ein Fest werden!“ „Und einen halben Kasten Bier!“
Er reichte dem Postboten in gravitätischer Haltung eine Mark und drehte sich, einen Finger hebend, wieder den Gesellen zu: „Das Ihr mir aber morgen Abend auch am Bahnhof seid!“
„Aber Meister! Wie könnt Ihr sowas extra sagen“, kam es gekränkt von einer Bank: „Wir sind doch alle Turnfreunde.“
In der Tür rief Göbel noch: „Lasst es Euch schmecken! Morgen habe ich den ganzen Tag zu tun“, und verschwand; kam auf einen Augenblick zurück: „Also, die Zeit kommt ins Morgenblatt!“
* * *
In dichtem Strom drängten sich Kinder aus dem Schulgebäude, verteilten sich im Nu auf dem großen, von drei roten Mauern eingefassten Hof. Auch Lehrer kamen hervor, stellten sich diskutierend und kauend beieinander. Nur Löhe stolzierte, nach allen Seiten spähend, über den Platz.
Ganz hinten, vor einem Gerätehäuschen, unterhielt sich, lebhaft gestikulierend eine große Anzahl Knaben miteinander. Ihre Mienen veränderten sich ständig von Ernst zum Lachen und umgekehrt, häufig auch zu feierlicher Verzückung.
Ein Junge, der sich durch besonders lautes Sprechen hervortat, schwang einen Finger: „So eine Meisterschaft hat noch nie ein Mühlberger gehabt!“
„Der Felsecks Hein?“, fragte ein neu Hinzutretender: „Was für eine Meisterschaft?“
„Kühlkopf! Weißt Du nicht, was eine Meisterschaft ist?!“
„Welche?! Meine ich doch!“ Während die Gruppe sich mehr und mehr vergrößerte, flogen Fragen und Antworten, sowie Gegenreden, hin und her. „Na eben! Meisterschaft! Der Beste von allen!“
„Von Köln?“ Höhnisches Lachen erschallte.
„Ach so, von Rheinland–Westfalen?“
„Ho, ho!“, ulkte ein Dritter: „Der musste gestern schon um vier Uhr in die Falle gehen“ – „Von Deutschland! Alle hat er geworfen!“
„Wer?!“, rief wieder ein Neuer.
„Gott nein! Der Hein!!“
„Oh!“, ertönte es vielstimmig vom äußersten Rande. Es bildete sich ein Kreis, in dessen Mitte jetzt eine kleine Gruppe debattierend zusammenstand.
„Der Zweite ist aber auch nicht ohne!“
„Ja, das war ein Kunststück, das er den geworfen hat!“
„Junge, Junge! Der wird Hein von unten herauf angeguckt haben, als er auf dem Rücken lag – der Grandprix!“
Einer zischte: „Esel! ‚Grand Prix‘ ist Französisch, das heißt doch ‚Großer Preis‘!“ Viele hielten sich die Hüften.
Der Wortführer war erbost: „Quatsch! Deshalb kann er doch so heißen! Bei uns im Haus heißen Leute: ‚Hildesheim‘. Eine Familie ist doch keine Stadt!“
„Das sage ich auch!“, stand ihm einer bei: „Wieviel Leute heißen ‚König‘, die bloß Arbeiter sind!“
„Siehste!“, triumphierte der Korrigierte und breitete die Arme aus: „So einer! Aus Baden ist er. Ich kenne ein Bild von ihm!“
„Aus Wiesbaden“, musste er sich wieder verbessern lassen.
„Wie mag Hein den geworfen haben?“, wollten gleich zwei wissen.
„Sicher mit Hüftschwung. Dabei brauchte er nicht so zu heben.“
„Ich glaube auch. Mit dem Hintern gegen den Bauch gestoßen, und dann über den Kopf eine Schulter gefasst. Rum und runter!“ Der Knabe unterstrich seine Auffassung, indem er sein Gesäß herausstippte und mit dem rechten Arm durch die Luft fuhr.
„Schafskopf!“, lachte der Wortführer. „Denkst Du, so geht das? Hast Du eine Ahnung!“
„Mit Untergriff vielleicht; den kann er am besten. Mit Karussell!“
„Bestimmt! Er hat ja Arme, so lang wie ein Affe!“
„Ja, ja!“
„Ich glaube auch!“, gaben ihm viele recht.
Dem mit ‚Schafskopf‘ titulierten kam zu Bewusstsein, dass dies eigentlich eine Beleidigung sei: „Deshalb bin ich aber noch lange kein Schafskopf!“
„Doch bist Du ein Schafskopf!“
„Nein!“
„Meinetwegen ein Kamel!“
Das versetzte den Beleidigten in Wut: „Wenn Du das noch einmal sagst, gebe ich Dir eine Ohrfeige!“
„He, he!“
„Lasst das Zanken!“, protestierte der Chor, was den Wortführer ermutigte: „Keine Ohrfeige! Aber Hein seinen Griff können wir mal probieren!“ Damit hakte er sich am Halse des anderen an und lag gleich mit ihm an der Erde.
„Au ja!“ „Au ja!“
„Fein!“
„Los!“ Der Ring dehnte sich aus und bald kugelte sich ein zweites Paar, tiefe Furchen in den Kies schabend.
„Los, Peter!“
„Halt ihn fest!“
„Schnell rum, Gustav!“
„Hoch! Im Stande weiter!“, kommandierte einer. Die Zurufe verdichteten sich zu einem unentwirrbaren Geschrei.
Ein Knabe bückte sich: „Löhe!!“ Mit langen Schritten näherte sich ein Lehrer: „Was heißt das?! Warum streitet Ihr?!“ Die vier sprangen auf die Beine.
„Wegen Felseck“, meldete der Größte: „Der hat alle geworfen und da –“
„Genügt!“, Löhe sah sich um: „Holt ihn mal her, den Felseck!“ Einige wandten sich zögernd und liefen fort. Die übrigen gingen auseinander, blieben in Hörweite wieder stehen.
Der Große wollte noch etwas sagen: „Herr Lehrer – – “
Löhe aber befahl: „Ruhig jetzt!“, und verlangte von den vieren: „Namen und Klasse!“
Da zwei Jungen Jaköbchen heran zerrten, fauchte er: „Was hast Du gemacht, Du Schlingel?!“
„Ich habe nichts gemacht, Herr Lehrer!“, heulte der Kleine.
„Was?! Du leugnest?!“ Tief bohrte sich Löhes Blick in das Gewissen Jaköbchens. Er hielt aber tapfer stand. „Wer hat es gesehen“, wollte Löhe nun wissen.
Jetzt war der Wortführer froh, dass er den Lehrer aufklären konnte: „Wir meinten ja seinen Bruder, welcher die Meisterschaft gemacht hat.“
Löhe zog die Stirn kraus: „Was!? – Der Athlet?“ Er entsann sich des Vorkommnisses mit Hein. – Also hatte der Kollege Lorscheid Recht behalten.
„Ja!“ „Er hat alle geworfen!“, bestätigten, nähertretend, die anderen. Es bildete sich wieder ein lockerer Ring.
„Ach so!“, verstand Löhe: „Und da habt Ihr gleich probiert?“
„Ja!“ „Ja, Herr Lehrer!“, klang es ihm von ringsum hart in die Ohren. Da glättete sich Jaköbchens Gesicht. – Dann war ja alles gut. – Er zwinkerte noch mit den Augen, als sei er geblendet, und der Mund machte noch ein Pfännchen, dann lachte er.
Auch Cornel wurde gebracht. Finsteren Blickes nahm er die die Erklärung des Lehrers entgegen: „Es war ein Irrtum.“
Löhe ließ in Gedanken die Geschwister in der Reihe vor sich antreten. Er streichelte Jaköbchen das Haar: „Wirst Du denn auch einmal Athlet werden?“
Dessen schmales Köpfchen beugte sich unter dem Druck seiner Hand. „Oh, ja. Erst werde ich Schmied oder Metzger, und dann Ringkämpfer.“
„Aber zunächst wirst Du heute mal tüchtig Kuchen essen, was?“, worauf Jaköbchen seinen größeren Bruder fragend ansah. Kuchen gab es doch nur Weihnachten und Ostern – und Fastnacht. „Ich weiß es nicht.“
„Es wird schon etwas geben.“ Löhes Stimme klang unsicher. Dass es bei Felsecks an allem fehlte, hatte er sich ja denken können. Ob von dem, was Gönner eventuell spendierten – es würde doch nur zu Trinken geben –, für die Kinder etwas abfallen würde? Schnell griff er zum Geldbeutel, reichte dem Jungen einen Groschen. „Na, eins holst Du Dir nachher erst mal allein!“
Er sah auf die Uhr und ging schnurstracks auf das Schultor zu.
Unterwegs rief er einem Knaben etwas zu, der ihm dann vorauseilte und an einer langen Schnur zog.
Eine Glocke ertönte. Die Kinder liefen vor dem Eingang zusammen.
* * *
Ein Schwarm Jungen und Mädchen rannte hinter einer Droschke her, die vor Mathildes Wohnung anhielt.
Die Kinder brüllten: „Der Felsecks Hein wird mit der Kutsche abgeholt!“
„Au! Bei Felsecks kommen feine Leute!“
„Oh je! Die gehen doch gar nicht alle herein!“
„Ich würde mich auf das Pferd setzen!“
Im Wagen saß Else neben Göbel. Mit innerem Unbehagen erfüllte sie seinen Wunsch, Hein gemeinsam mit Mathilde zu empfangen. Sie konnte die Differenz mit ihr ja nicht öffentlich zeigen. Da Mathilde an den Wagen trat, grüßte sie knapp: „Guten Tag.“ Auch Mathilde fügte sich ungern der auferlegten Pflicht und war zufrieden, dass sie nun auch nur ebenso kurz zu antworten brauchte.
Wie feierlich erregt sie sind, konstatierte Göbel. Nur mit Mühe bringen sie ein Wort hervor. Ja! Sie sollen heute ihr blaues Wunder erleben!
Heins Geschwister standen sonntäglich gekleidet an der Bordschwelle. Aus den Fassaden der gegenüberliegenden Häuser wuchsen Köpfe hervor.
„Die ganze Stadt ist auf den Beinen!“, erklärte Göbel selbstgefällig und gebot dem Kutscher: „Wir fahren einen kleinen Umweg.“ Wollte er doch den beiden Frauen die stark bevölkerten Hauptstraßen zeigen. Auf den Bürgersteigen strömten die Menschen in dichten Knäueln in der Richtung zum Bahnhof hin, die von vielen Gruppen Eilfertiger an den Seiten des Straßendammes überholt wurden.
„Wie samstags!“, flüsterte Mathilde vor sich hin. Platz machend, sah das Volk auf. Hier und dort fielen Bemerkungen.
„Seine Frau und seine Mutter.“
„Das ist Göbel.“
„Herzliche Gratulation, Frau Felseck!“
Verlegen und steif neigten sich Mathilde und Else nach der Seite, von der der Zuruf gekommen war.
Mathilde empfand Spannung in der Brust. Seit ihrer Hochzeit saß sie das erste Mal wieder in einem Fiaker – vielleicht ein günstiges Zeichen vor dem Umzug in die neue Wohnung.
Sie musste an Lorenz denken – Ja, sie hat die Kinder ohne ihn weitergebracht, als sie mit ihm gekommen wären.
Was mochte in Else vorgehen? Als sie sich etwas zurechtsetzte, fing sie einen strahlenden Blick von ihr auf. Doch schien es ihr, als stecke ein wenig Kummer dahinter. Das tat ihr leid – Mein Gott!
Wir Frauen sind ja alle gleich im Suchen nach der Erfüllung des Lebenszweckes, und nachher wird es einem manchmal zu viel. Fast ein Jahr haben sie sich nicht mehr gesehen. „Wie fühlst Du Dich?“, fragte sie teilnehmend.
Das färbte Else die Wangen; ganz froh sah sie Mathilde an. Es würde alles gut werden. „Danke Mutter. Den Umständen gemäß.“
„Ein kleiner Athlet?“
„Ach ja! Er wünscht es doch!“ Sehnsucht lag in Elses Worten. Es begann zu dunkeln; der Wagen kam nur langsam durch die dichten Menschenknäuel. Rechts brachen die Schienenstränge in die Häuserfront ein. Die sie überquerende Holzbrücke war dicht besetzt. Am tiefblauen Himmel hingen, wie Staubstreifen, die der Besen vergessen hat, Wolkenfetzen. Leuchtkugeln schossen hoch.
Mathilde wurde sich jetzt mehr noch als zu Hause bewusst, dass ihr vor Jahren einmal modern gewesener Hut und das abgetragene Kleid der Bedeutung der Stunde nicht im Mindesten gerecht wurden. Wie gut, dass es im Dunkeln nicht auffiel. Aber gleich, unter den Bogenlampen, und nachher im Schützenhaus. Wenn doch schon alles vorbei sein wollte.
Vor einer Laterne hielt der Wagen. Sie stiegen aus, in das brodelnde Menschenmeer. Schutzleute tauchten auf.
* * *
Im gleichen Takt mit dem rhythmischen Rollen der Wagenräder baumelte Heins Kopf. Er saß in einem Abteil vierter Klasse, mit tief auf dem blassen Gesicht hängenden Haaren, die Hände lässig auf dem Schoss ineinander verschränkt.
Um seinen Hals hing eine fingerdicke, goldene Kette mit einem Stern von der Größe eines Handtellers. In der Mitte desselben war eine stark erhabene, von Strahlen umgebene Farnesische Herkulesfigur.
In Heins Schnarchen webten sich die Klänge ferner Musik, die schnell stärker wurden.
„Sie! Gilt das Ihnen?“, bemerkte ein ihm gegenübersitzender Mann und klopfte ihm auf ein Knie. Da Hein nicht reagierte, ging er ans Fenster: „Menschen über Menschen am Bahnhof! Auf dem Bahnsteig lange Reihen in Zylinder! Und Fahnen!“
Hein gähnte: „Schon Mühlberg?“, während der andere ihn lockte: „Sehen Sie nur!“
Hein war es, als hätte er sich eben erst vom Festausschuss in Duisburg verabschiedet. Er rieb sich das Gesicht; sah wie durch einen Schleier doppelte Reihen von Männern mit weißen Mützen.
„Auf was kann man denn gratulieren?“, hörte er hinter sich den Mitreisenden fragen.
Er streckte den Arm durch das Fenster, musste mehrmals schlucken. So nett waren sie alle zu ihm? Das war doch noch nie gemacht worden.
Da war ja auch Else! Sogar die Mutter!? Einträchtig nebeneinander?! Das soll mir der schönste Preis sein, jubelte es in ihm.
Er stieß die Tür auf. Rufe gellten: „Vorsicht!“ Doch er sprang herunter. Die Bremsen kreischten.
* * *
Auf dem Bahnhof wurde Göbel mit seinen Gästen von allen Seiten angerufen: „Gut heil!“
„Heil!“
„Kraft Heil!“[4]
Die Spitzen und Stickereien der Fahnen wetteiferten miteinander im weißen Licht der Kohlenlampen, die unter dem First des Daches leicht schwankten.
„Wie anständig! Die Kölner Athleten!“, erklärte Göbel: „Und dort die Turner von Kalk und Deutz!“ Er wies auf eine Gruppe von drei Männern: „Seht! Alle sind da! Sogar von Bonn ist eine Abordnung da!“
Vielstimmige Rufe: „Der Zug kommt!“, ließen sie aufmerken. Gleich stand alles, was auf dem Bahnsteig war, in Reih und Glied. Nur Göbel blieb mit Mathilde, Else und ein paar Herren im Zylinder vor der Front. Rechts neben ihnen erbrauste Musik.
Mathilde war von ungeheurer Spannung ergriffen. Das alles galt Hein!
Else stand, unbeweglich in die Richtung starrend, aus der Lichtschein heranschlich. Wie zürnte sie sich jetzt, dass sie Hein nur für sich hatte haben wollen. Ein Ahnen vom hohen gesellschaftlichen Sinn des Lebens kam in ihr auf. Ob sie auch einen kleinen Anteil an seinem Erfolg hatte? Eigentlich ja. Gab ihm die Erwartung eines Sprösslings und das Eheglück nicht erhöhte Lust und stärkeren Mut zum Kampfe? Sie sah Mathilde und deren vor Erregung geballte Fäuste. Ja, über der Mutter Anteil konnte wohl kein Zweifel bestehen.
Ein Arm winkte in der leuchtenden Fensterreihe des Zuges, an der viele Köpfe sich vorstreckten.
„Geh vor, Mutter“, sagte Else.
In Mathilde kämpften Stolz und Freude um den Vorrang. Trotz des unendlichen Gefühls der Genugtuung, das ihr Blut in Wallung versetzte, war sie nicht imstande, sich vorwärts zu bewegen. Einen halben Schritt trat sie vor, mit versteinertem Gesicht.
Aber ihr Hein triumphierte: Ja! Seht mich nur an! Ich bin noch da! Die Witwe des Seilermeisters Lorenz Felseck! Das Schicksal ließ mir von dreizehn lebend geborenen Kindern nur acht. Mit allen kann ich mich zeigen. Lorenz wird Modelltischler, Nettchen ist die begehrteste Schneiderin der Stadt. Johann reist als Monteur durch Städte und Länder! – Und der da, mit dem großen Stern auf der Brust, das ist mein Ältester!
Der stärkste Mann im ganzen Lande!
„Hein! – Mein Sohn!“ Steif wie eine Marionette stelzte sie, ihre zitternden Hände erhebend, dem auf sie zueilenden Hein entgegen.
„Mama!“, konnte er nur denken und sagen, deckte mit beiden Armen ihren Oberkörper zu.
Mathilde war glücklich, dass die Menge ihr kurzes, einmaliges Aufschluchzen im Lärm der Blechmusik und der eigenen Hochrufe wohl nicht hören würde; dass Heins Rockaufschlag die paar warmen Perlen aufsaugte, die ihr aus den Augenwinkeln rannen. Fest drückte sie ihre Wange gegen die kühle Kette – die doch auch ihr gehörte. – Wie wohl das tat!
Dann sah sie ihn strahlend an: „Du hast es doch geschafft!“ Hein wusste, was sie damit sagen wollte. So verbanden sich beider Gedanken in der Erinnerung an ein gemeinsames Erlebnis. – Es war an einem lauen Sommerabend vor vielen Jahren, als Hein in flottem Marschschritt, ein Turnerlied vor sich her summend, vor dem Elternhause anlangte. Er hatte, einer Einladung der Lehrkollegen folgend, einer Übungsstunde der Turngemeinde beigewohnt, wo sich wohl an drei Dutzend gleichaltriger Jungen beim Spiel ergötzten. Eine ganze Stunde hatte er ihnen zugeschaut.
Er öffnete die Tür mit dem Vorsatz, bei der nächsten günstigen Gelegenheit den Vater um die Erlaubnis zum Eintritt in den Turnverein zu bitten. War er doch jetzt in der Lehre und sein Verlangen nicht unbillig. Vorher allerdings müsste die Mutter gelegentlich spekulieren, wie der Vater im Allgemeinen darüber denke, sie würde ihn dann sicher unterstützen.
In den dunklen Flur tretend, sah er in Gedanken noch die freudigen Mienen der Jungen und die schönen Geräte – da fühlte er sich hart angefasst!
„Lümmel! Ich werde Dir helfen, Dich herum zu treiben!“, dröhnte die Stimme des Vaters.
Gleichzeitig spürte er einen harten Schlag im Rücken und einen Schmerz, der ihm bis ins Gehirn drang. Es war, als schneide man ihm mit einem Messer den Rücken auf! Er vermeinte, eine glühende Schlange winde sich durch seinen Körper, in den Kopf, das Denken jäh zum Erstarren bringend.
„Au! Hu!“, schrie er gellend auf. Wie das Aufheulen eines gepeitschten Hundes drang es langgezogen in den stummen Abend.
Wieder schlug der Vater ihn, und nochmals schrie Hein kläglich auf. Er ließ sich, an des Vaters Hand hängend, zu Boden fallen, versuchte zu denken. „Das Mirakel!“, zuckte es in ihm. Jetzt wollte er rufen, die Mutter habe es ihm erlaubt, doch besann er sich – dann würde der Vater ja mit ihr streiten.
Von der Straße her vernahm er das Knarren von Fensterriegeln und Rufe, verstand sie aber nicht. Da ließ ihn der Vater los, und er kletterte auf allen Vieren wie gehetzt die Treppe hinauf, konnte gerade noch die Türklinke greifen, sank aber vor Angst und Schrecken gelähmt, wieder hin.
In der zweiten Tür erschien Mathilde im Nachtgewand, schwach von dem aus dem Zimmer strömenden Lichtschein befallen. „Ach Jung!“, stöhnte sie laut: „Wie konnte ich das ahnen!“
Wild schüttelte sie die Fäuste: „Unmensch Du! Sagte ich Dir nicht, wo er ist?! Dein eigen Fleisch und Blut schlägst Du noch tot!“ Ihre Stimme krächzte: „Schlägst Du ihn noch ein einziges Mal, dann laufe ich, so wie ich bin, durch die Straßen und schreie allen Menschen zu, was Du für ein …“ – sie verschluckte das Wort ‚Tier‘, welches ihr auf den Lippen lag. Der Junge hatte ja schon zu viel gehört – „… was Du für einer bist!“, vollendete sie unsicher.
„Was? Ein …?“ „Was für einer?!“, klang es da drohend herauf. Die Treppe knarrte.
Mathilde aber umfasste Hein schützend mit beiden Armen, erwartete Lorenz mit Verachtung zeigender Miene, welcher mit wütendem Blick an ihnen vorbeiging, um knallend die Tür hinter sich zuzuschlagen.
Hein entsann sich – seitdem war der Vater nie mehr besonders grob zu ihm gewesen.
„Eigentlich ist der Preis auch Dein“, sagte er in weichem Tonfall und sah ein Leuchten in ihren Augen.
„Da ist auch Else!“ Feierlich gab Mathilde Hein an sie ab. Else fiel ihm jauchzend um den Hals: „Es ist doch gut, dass Du gefahren bist!“
Auf der anderen Seite der Geleise standen hinter einem Zaun in acht bis zehn bogenförmig hintereinander gelagerten Reihen dunkel gekleidete Männer, von einer breiten Menschenmauer umgeben. In den Abend hob sich, in einmaligem Echo von den nahen, hohen Hauswänden nachhallend, ein frohes Lied, das sich verklingend über den endlosen Schienenweg fortwälzte.
Nach einem Tusch stieg Göbel an der Bahnsteigkante auf einen Stuhl: „Turngenossen! Mitbürger! Unserer sportliebenden Stadt und ihrem ältesten Verein, der Turngemeinde, ist große Freude und Ehre zuteilgeworden! Unserem Heinrich Felseck ist es gelungen, als Jüngster, in großer Konkurrenz den höchsten Ruhm, die deutsche Meisterschaft, zu erringen!“
Stürmische Hochrufe unterbrachen ihn. Er erhob, ruheheischend, die Hand, fuhr, zur Seite schielend, fort: „Wir danken Dir, dass Du uns einen solch großen Erfolg heimgebracht hast, und hoffen, dass Du auch weiterhin noch oft geschmückt mit dem schlichten Laub der deutschen Eiche, dem Sinnbilde der Kraft, als Sieger heimkehren mögest!“
Er hob einen großen Kranz aus Eichenlaub und hängte ihn mit Hilfe Böhms Hein um. Fackeln flammten auf. Funkhausen und Bergstuhl hoben ihn auf die Schultern, während Böhm, seinen Hut schwenkend, voraus über die Schienen ging und sie, einer wehrenden Geste des Bahnhofsvorstehers nicht achtend, auf die Straße führte, wo sie ihn in einen Wagen hoben.
Aus vielen hundert Kehlen, von den Tausenden, die sich zum Zuge formierten, wurde die Musikkapelle begleitet, wobei sie wie auf Verabredung den ‚Köllsche Jung‘ in einen ‚Mühlberger Jung‘ umdichteten.
Ei wei tschung
Sune mühlberger Jung!
Jo sune mühlberger Jung
Jo dä hätt Vazung!
Schneuzermächtig
Un e Mädelche prüchtig,
Och et geiht jo nix für
ene mühlberger Jung!”
* * *
Einige Minuten verspätet kam Hein in die Fabrik. Drei versäumte Tage waren aufzuholen! Doch die Freude darüber, dass er Baldus ein Schnippchen geschlagen, machte es ihm leicht, daran zu denken. Er war eben hingefahren, um zu lernen, und dass es indessen besser wurde, durfte er doch wahrnehmen. Übrigens wollte Göbel im Bedarfsfalle intervenieren.
Unter Hallo musste er durch die Halle Spießruten laufen, von heiteren Zurufen begleitet:
„Schieber!“
„Schlaumeier!“
„Bravo Hein!“
„Strolch, Du!“
„Hurra!“ Hart durchschlugen die Rufe den wuchtigen Rhythmus der Maschinen.
Hein sah Baldus, der, von Weitem sich gegen den keuchenden Motor kehrend, die Hand schwenkte. Der Maschinist griff nach einem Hebel, worauf es ganz still wurde.
Als Hein sich seinem Frühstücksplatz näherte, stellten sich ihm vier Arbeiter in den Weg. Durch das Gewirr der Seile klang das Lied: ‚Das ist der Tag des Herrn‘.
Maßlos überrascht zog Hein den Hut. Wie schön war es, dass sogar die Kollegen an seinem Erfolg so herzlich Anteil nahmen, obwohl nur ein geringer Teil Turner war. Er spürte den ernsten, bewundernden Blick Baldus‘ und erinnerte sich aller Schikanen. Sollte dies alles so einfach als nicht geschehen betrachtet werden? Nein! Wenn er ihm die Hand geben sollte, würde er sie ihm so herzlich schütteln wie seinen Kollegen; aber drücken, dass ihm die Augen überlaufen sollten!
Wie Baldus als letzter zu ihm kam, und er die weiche Hand fühlte, tat er ihm leid – er soll sich schämen vor mir – und dankte gleichgültig.
In der Ansammlung öffnete sich ein Spalt. Hein sah einen mit Packpapier beschlagenen Haspel, in dessen Lagerloch eine Topfblume stak. Wie ihn die festen, roten Blüten anlachten!
„Das sind aber schöne Blutstropfen!“, freute er sich.
Und ach, was sah er noch? Er hätte allen um den Hals fallen mögen. – Vor drei, mit Schleifen geschmückten Würsten lag ein blaues Nadelkissen mit einem verzinkten Blaukopf!
„Dein Nagel, Hein!“ erklärte Krüger mit Nachdruck, was schallende Heiterkeit auslöste.
Krüger wusste, dass er ihm noch eine Freude machen konnte. „Nun werde ich mir Deinen Sport doch mal ansehen kommen“, was ein anderer wahrnahm: „Da gehe ich mit!“
„Ihr werdet sicher Gefallen daran finden“, versicherte Hein mit dankbarem Blick.
Der Älteste von ihnen nahm eine helle Flasche unter dem Papierbehang vor: „Und wir trinken Einen.“ Er streckte sie hoch: „Auf Deine Meisterschaft!“
Oben regten sich wieder die Transmissionen[5].
Baldus kam es in den Sinn, auch seinerseits Felseck eine besondere Anerkennung zuteilwerden zu lassen. Eine Geste, die in den Augen der Turner auch zu seinen eigenen Gunsten abfärben würde. Man musste mit der Zeit gehen. Im Fortgehen streifte er Hein am Arm: „Sie können wieder an Ihrer kleinen Verseilmaschine arbeiten.“
Hein zuckte zusammen. Wollte Baldus den Wohltäter spielen?! Das wäre gelacht! Blitzschnell wendete er sich: „Das ist nicht mehr wie Recht!“ Zorn glühte in seinen Augen. Erstaunt sahen die Arbeiter auf.
Ruckartig straffte sich Baldus Rücken.
* * *
Fortsetzung folgt!!!
[1] F&G hatte bereits ab 1830 eine Betriebskrankenkasse. Vgl. Felten & Guilleaume, WIKIPEDIA (online; 08.03.2026).
[2] Otto Grandpair, Deutscher Meister 1901. Vgl. Ringen – Deutsche Meisterschaften (griechisch–römisch – Herren – Teil 2), SPORT-KOMPLETT.de (online; 08.03.2026).
[3] Heinrich Weber wurde 1899 Deutscher Meister bei der 4. Deutschen Meisterschaft der Männer, griechisch–römisch, Duisburg, 21.–22.5.1899, vor Otto Grandpair aus Wiesbaden und L. Eberhardt aus Duisburg. Vgl. E–Mail von Wolfgang Stampp (ehemaliges Präsidiumsmitglied des deutschen Ringerverbandes), 13.02.2023.
[4] „Turner wünschen sich seit 1817, bevor sie sich an ein Gerät begeben, Gut Heil! und drücken dadurch aus, dass sie dem Turnenden eine verletzungsfreie Übung wünschen. Die Grußformel geht auf den Turnvater Friedrich Ludwig Jahn zurück. Um sich von der nationalkonservativen Deutschen Turnerschaft stärker abzugrenzen, benutzten die Arbeiterturner ab 1899 den Gruß Frei Heil! Die Grußformel der Gewichtheber und Ringer lautet Kraft Heil!“ (Heil, WIKIPEDIA [online; 08.03.2026]).
[5] „Die Transmission ist ein historisches Riemengetriebe.“ (Transmission (Maschinenbau), WIKIPEDIA [online; 08.03.2026]).


