Im Casino de Paris[1] brodelte es. Unter eruptiven Temperamentsäußerungen nahm die Elite der Gesellschaft am Kampfe des Belgiers Clement le Terrassier gegen Kittler teil.[2]
Eben rief die Pfeife des Kampfrichters das Paar zu einer Pause. Von einem kleinen Tische am hinteren Rande der Bühne trat der Kampfleiter vor: „Die Direktion ist der Ansicht, dass es keinem der Kämpfenden gelingen wird, dem Gegner eine Schulterniederlage beizubringen. Um endlich zu einer Entscheidung zu gelangen, wird für die Fortsetzung des Ringens Punktwertung angeordnet. Zunächst für eine halbe Stunde.“
Das Publikum quittierte mit schwachem Beifall, sowie aber die Ringer hinter den Kulissen hervortraten, brach der Sturm los.
Aus den Logen, deren Umrahmungen an höfische Equipagen aus der Rokokozeit erinnerten, winkten Frauen in herrlichen Gewändern mit glitzernden Fächern und Lorgnetten[3]: „Viva–Clement!“
Langsam gingen die beiden Rivalen aufeinander zu, um sich in heftigen Kampf zu vertiefen. Clement brachte eine Krawatte[4] an und versuchte, Kittler zu Boden zu reißen. Raoul meldete, indem er die Hand zum Tische erhob, einen Punkt für Clement, der den Griff sofort losließ.
Kittler erhielt einen Punkt für einen durchgeführten Schulterschwung, vor dem Clement sich mühsam rettete.
Nach längeren Finten nahm Clement stürmisch Untergriff von vorn; als der Kampfrichter das Zeichen zum Notieren eines Punktes gab, verzichtete er wiederum auf die Durchführung des Griffes.
Hinter den Kulissen stand Hein mit Giovanni Raicevich. Giovanni, ein untersetzter Mann mit rundem, im Grunde heiter gestimmtem Gesicht, verfolgte den Kampf mit großem Ernst. Er konnte seine vor einigen Tagen erlittene Punktniederlage gegen den Franzosen Gambier[5], den Weltmeister des Vorjahres, nicht verwinden.
Doch hatte die Art der Punktwertung unter den Ringern Proteste hervorgerufen. Man empfand es mit ihm als Unrecht, dass nicht auch schwierige Paraden, Pirouetten und das Sprengen gutsitzender Griffe gewertet wurden. Nun musste er bald heimkehren; denn wenn er auch vor der Ankunft in Paris mit Hein vereinbart hatte, die Gagen zu teilen, solange noch einer von ihnen in der Konkurrenz sei – die Bedingungen waren hart, es gab pro Tag 20,- Franc, und wer einmal besiegt wurde, schied aus –, so wollte er das nicht länger in Anspruch nehmen.
In dem halbdunklen Raume standen in kleinen Gruppen noch eine Anzahl meist stark gebauter Männer. Kühle Zugluft kam aus einem in eine Ecke mündenden Gang. Im Hintergrund waren Kulissenwände angelehnt, rohe Holzrahmen und Böcke standen davor.
Giovanni bebte vor Erregung: „Kittler wird auf die gleiche Art ausgeschifft wie ich!“ – „Drei Abende harter Kampf, und dann so verlieren, das ist schändlich!“
Hinter ihnen stand der Hamburger Stark: „Die Direktion hat eine Änderung der Punktwertung zugesagt und hält es nicht. Ein Skandal!“
„Man entscheidet einseitig gegen die Fremden!“, bemerkte Hein: „Seht! Clement hat Untergriff und versucht nicht einmal, Kittler zu heben oder niederzudrücken!“
„Er hat einen Punkt und lässt los!“
„Das ist toll!“
„Natürlich, Clement ist über die Methode dieser Wertung offenbar informiert worden.“
Auch in den übrigen Gruppen entstand Unruhe. „Man müsste protestieren!“, regte Hein an.
Stark riet ab: „Zwecklos, so kurz vor dem Finale. Die Wenigsten haben daran Interesse. Für das nächste Mal ja.“
„Jetzt nicht. Du kämst nie mehr nach Paris“, warnte Giovanni.
Einige Schritte abseits wippte der Franzose Sabes[6] fortwahrend mit den Absätzen hoch. Er war freudig bewegt. Es wurde ein Punkt für Clement angesagt, was er lebhaft quittierte: „Clement 14! Kittler 4!“ Mit beiden Händen schlug er sich auf die Knie, wusste er doch, dass mit Kittler sein gefährlichster Gegner ausschied. Hinter ihm erhob sich Murren.
„Sieger Clement le Terrassier mit 16 Punkten über Kittler, 5 Punkte, in einer Gesamtzeit von 5 Stunden 15 Minuten!“ rief der Kampfrichter.
Im Theater tobte ein Orkan, nach mehrmaligen Hervorrufen wankten Sieger und Besiegter an ihnen vorüber. Ein neues Paar trat an.
„Schade um die letzte halbe Stunde. Sonst ist es der schönste Kampf, den ich in meinem Leben gesehen habe!“, begeisterte sich Stark.
Hein aber war empört: „Bei mir wird es keine Punktwertung geben! Ich gebe am Montag alles her, was ich in mir habe!“
Sabes hörte es und ging, einen kurzen Bogen beschreibend, dicht an ihm vorbei ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Hein fühlte das Demonstrative dieser Nichtachtung, das Blut schoss ihm in den Kopf, Giovanni, der es bemerkte, fasste ihn am Rockärmel. Hein jedoch machte sich verbissen lächelnd wieder los. Ja, wer dachte an ihn, dass er etwa bis zu den Endkämpfen vordringen könnte. Er nahm es selbst nicht an. Hatte er sich bisher auch mühevoll behauptet, der bevorstehende Kampf mit Sabes konnte die Ausscheidung bringen. Galt dieser erfahrene Ringer aus Bordeaux, der hohen Ringerschule, den man den „König der Krawatte“ nannte, doch als einer der ernsthaftesten Anwärter auf die ersten Plätze. Doch das Unrecht an Kittler verursachte einen Aufruhr in ihm. Es konnte, es musste gut gemacht werden durch ihn, der als einziger Deutscher noch in der Konkurrenz war.
Grollend sah er Sabes nach. „Wenn Du mich nicht achtest, vielleicht kannst Du mich fürchten lernen!“, knurrte Hein in sich hinein. „Wartet bitte“, bat er Giovanni und Stark: „Ich will Kittler schnell die Hand drücken“, und entfernte sich.
Stark zog das Journal Le Velo aus der Tasche: „Können Sie es lesen? Da steht etwas über Felseck.“
Bereitwillig übersetzte der Italiener den Text einer Vorschau ins Deutsche: „Wenn man sich nach dem Rufe der Beiden richtet, sollte Sabes triumphieren über den Deutschen, wenn man ihre Leistungen in Betracht zieht, haben sie gleiche Chancen. Felseck, der noch vor drei Wochen unbekannt war, ist immer besser geworden. Der Wettstreit dient ihm als Debüt, denn er war bisher Amateurmeisterringer. Besonders durch seinen Sieg über Vervet[7], den Kenner als einen für die Schlusskämpfe in Betracht kommenden Konkurrenten bezeichneten, hat er sich als ein tüchtiger Ringer gezeigt. Sabes hat fast die gleiche Größe, ein Kilo Unterschied ist im Gewicht. Er hat die Kunst für sich, Felseck die Kraft.
„Nein, nein“, lachte Stark: „Daran glaube ich nicht. Nun ja, diese Zeitung, als Veranstalterin des Turniers, muss es etwas interessant machen. Aber wir werden es ihm mal zeigen.“
„Nicht!“, empfahl der Italiener: „Gerade das Gefühl, dass die Favoriten ihn nicht beachten, macht ihn stark.“ Er zwinkerte verschmitzt: „Ich kenne ihn schon.“
Stark war einverstanden, schüttelte aber ungläubig den Kopf.
* * *
Hein und Giovanni saßen in einem durch eine Petroleumlampe dürftig beleuchteten Raume an einem großen rechteckigen Tisch. Hinter ihnen standen ein Bett und ein schmaler Schrank. Hein wendete ein beschriebenes Blatt und ließ die Feder darüber gleiten.
„Gut, gut!“, flüsterte Giovanni und las, während Hein schrieb: „Hoffen wir, dass es mir gelingen wird, die Scharte, die uns Deutschen zu Unrecht geschlagen wurde, auszuwetzen. Mit Ruhe und Ausdauer hoffe ich, Sabes zu besiegen. Wenn nicht, brauche ich mich allerdings auch nicht zu schämen, schüttelt doch jeder, dem ich sage, dass mein nächster Gang gegen ihn geht, mit Bedauern und mitleidig den Kopf. Wenn ich ihn doch bezwingen könnte, gern gäbe ich einen Finger meiner Hand dafür hin.“
„Es wird schon gehen“, sagte Giovanni, nahm selbst einen Federhalter und schrieb auf einen Briefumschlag: „An Herrn Haupt, Herausgeber der Deutschen Athletenzeitung – München“.
„Wie würde ich mich freuen, wenn es Dir gelänge.“ Er drückte Hein die Hand und ging zur Tür.
* * *
In einer engen Gasse ging Else unruhig hin und her, neben ihr eine wenig ältere, hagere Frau mit strengem Gesicht: „Nun macht doch!“, drängte diese: „Wie lange noch sollen wir hier herumspazieren?“
„Ich weiß noch immer nicht, Frau Frings, ob ich soll oder nicht!“, stöhnte Else. Sie warf einen Seitenblick auf den tiefen Korb, den sie im Arm trug.
Ein gehäkeltes Deckchen war darübergebreitet, an einer in Hohlsaum gearbeiteten Stelle schimmerte es silbern durch.
Sie wandte sich, stehen bleibend, einem schmalen Schaufenster zu, in dessen hohem Kasten sich vielerlei zum Teil verstaubte Dinge befanden. Taschen und Standuhren, letztere mit bronzenen und silbernen Beschlägen verziert. Dicke und feine Ketten, Medaillen, Plastiken aus Bronze und Silber in dunklem Rahmen auf Stoffgrund, sowie Schirme und Stöcke mit silbernen Krücken. Hinter dem Schaukasten ragte eine große Standuhr heraus.
„Da ist ja auch so etwas“, lockte die Frau auf eine vor der Mitte der Rückwand stehende Fruchtschale weisend.
„Ja“, Else drehte sich wieder. Ihr Blick flog scheu an schmutzigen Hauswänden hoch, musterte Vorübergehende.
„Was seid Ihr für ein komischer Mensch!“, zischte die Begleiterin: „Hier kennt Euch doch gar keiner!“ Schnell verschwanden sie hinter der Ladentür.
Der Laden war die vergrößerte Wiederholung des Schaufensters, an einer Wand hingen ein paar Violinen und Uhren, die unregelmäßig tickten.
Else stellte drei Pokale auf die Theke, legte daneben Teile eines Trinkhorns, die ein Mann mit bleichem, dickem Gesicht beschnüffelte: „Dreißig Mark“, bot er.
„Was? Nein!“, empörte sich Else.
Der Händler blieb ruhig: „Die Dinger haben nur Schmelzwert, wenn sie nicht wieder eingelöst werden. Sie sind doch graviert!“
„Ach so!“, die Freundin half ihr: „Aber ihr löst sie doch bestimmt wieder ein!“
Else wusste, Hein würde bald viel Geld verdienen: „Natürlich, Ihr könnt ruhig das Doppelte geben!“
Der Mann grinste: „Dafür habe ich keine Garantie.“
„Doch! Ganz bestimmt!“, beharrte Else.
„Und welche Garantie geben Sie mir?“, des Fragenden Gesicht entstellte ein zynisches, behäbiges Lachen.
„Ach so“, Else würde verlegen, ihre Augen schwammen: „Aber ich löse sie bestimmt in 2-3 Monaten ein.“
„Also, 30 Mark sagen wir, auf ein halbes Jahr.“
Else sah ihre Begleiterin groß an: „Aber das lohnt doch kaum. Ich hätte Hein doch erst schreiben sollen.“
Die Freundin maß sie mit überlegener Miene: „Von der Antwort würdet Ihr auch nicht schlauer. Das Kind muss was Vernünftiges essen, und Ihr arbeitet Euch schon kaputt!“
Else zagte, 30 Mark war viel Geld, aber die Preise sicher das Zehnfache wert. Sollte sie sich nun der 30 Mark wegen der Gefahr aussetzen, dass es bekannt würde, dass es großen Streit gäbe? Aber niemand borgte ihr etwas. Sie musste sich zu fester Stimme zwingen: „Mein Mann ist in Paris, beim Ringen um die Weltmeisterschaft.“ „Aber liebe Frau!“, wurde der hinter der Theke ungeduldig: „Sie wissen doch nicht, was er mitbringt. Nachher ist es nichts.“
Else ward’s bange. Hein konnte ihr doch nichts tun, er hatte sie ja gern und musste dies auch verstehen. Vielleicht brauchte er es gar nicht zu erfahren? Sie würde sich ja durchhungern, aber das Kind, das Kind! Und er vermochte doch kein Geld aufzutreiben. „30 Mark? Nein“, stammelte sie dann wieder zögernd, nahm ein Teil zurück in den Korb und noch eins.
Da legte sich die andere noch einmal ins Mittel: „Wenn Ihr sie auf der Kommode anguckt, werdet Ihr auch nicht satt.“
„Das ist auch wahr, Frau Frings“, sprach Else tonlos und wandte sich wieder an den Händler: „Dann in Gottes Namen, nehmt es hin.“ Dieser zögerte keinen Augenblick, der Aufforderung Folge zu leisten.
* * *
Hein rang mit Sabes, der heftig gegen ihn vorging. Doch vernichtete er alle Angriffe und fasste nach anfänglicher Reserve auch selbst hart an.
Sabes verlegte sich auf Finten. Sicher würde der nicht besonders erfahrene Deutsche ihm dadurch Stellungen bieten, die ihm bald die Anwendung seiner Spezialgriffe ermöglichten. Das Felseck Vervet besiegte, konnte nur einem Zufall zuzuschreiben sein. Vor Blößen musste man sich dem kräftigen und ziemlich geistesgegenwärtigen Rheinländer gegenüber allerdings hüten.
Hein ahnte die Absicht des Franzosen, sodass er zunächst beim Griffe-Suchen blieb. Als Jener sich aber zum Untergriff von hinten bot, ging er darauf ein, rechnete aber damit, dass Sabes versuchen werde, ihm mit Armfallgriff zuvor zu kommen. Er streckte daher beim Zufassen das Kreuz, und wie vermutet, klemmte Sabes ihm den rechten Arm ein, wobei er versuchte, sich zu bücken. Hein aber stieß, einer leichten Rechtsdrehung seines Gegners folgend, seine Arme durch, umfasste ihn, um ihn gleich nach dem Anheben nieder zu werfen.
Im Publikum entstand Unruhe. Meinungen wurden laut: „Sabes hat gelegen!“
„Das ist nicht korrekt!“, Lärm erhob sich.
Der Kampf wurde unerhört heftig, wechselseitig kamen beide in Gefahr, bis dem Franzosen eine gutsitzende Krawatte gelang.
Hein war es, als sei sein Kopf in eine heiße, eiserne Umhüllung gepresst. Unter Aufbietung aller Kraft hob er seinen Gegner an den Lenden hoch und stieß ihn von sich.
„Ah!“, hundertfache Rufe der Bewunderung wurden laut.
Trotzdem beschloss Sabes, sich wieder zum Untergriff zu bieten. Felseck würde es als eine, durch die eben überwundene Situation hervorgerufene Unachtsamkeit auffassen. Jetzt würde er besser zufassen und ihn unter sich bringen. Es gelang ihm auch, Armfallgriff zu ziehen.
Hein erkannte den Trick gerade noch zeitig genug, um sich mit dem linken Arm abstemmen zu können. Dadurch musste Sabes, um nicht wieder so gefasst zu werden wie vorhin, in die Bank gehen. Er blieb aber nicht auf den Bruchteil einer Sekunde ruhig, sodass Hein nicht zum richtigen Zufassen kam.
Es war Hein klar: Sabes wollte wieder in den Stand zurück. So entschloss er sich zu einem großen Schlage. Wenn Sabes ihn abfasste und umwarf, konnte es für ihn selbst gefährlich werden. Noch hinderte er Sabes am Aufstehen, dann gab er nach. Jener war einen Moment vor ihm auf den Beinen.
In diesem Augenblick schoss Hein aus halb kniender Stellung hoch, nahm stürmisch Untergriff von vorn, drückte Sabes mit aller Kraft das Kreuz ein und hielt ihn mehrere Sekunden auf der Matte fest.
Der Kampfrichter meldete sichtlich konsterniert: „Sieger Felseck, Deutschland, in 7 Minuten 53 Sekunden.“
Sekundenlang blieb es still, dann brach wie plötzlich einsetzender Sturm der Beifall los. – Acht Mal musste Hein sich dem Publikum zeigen.
Hinter den Kulissen umarmte ihn Kittler. Ein Diener gab ihm eine Karte, darauf stand neben einem Wappen:
Graf Arnim von Hückstädt
Attache bei der deutschen Botschaft
Rué de Bourgogne XIV
Heins verzerrte Züge glätteten sich, liebevoll betrachtete er die in seiner Hand zitternde Karte. Ward es ihm doch hierdurch bescheinigt, dass er ein achtbarer Sohn seines Volkes sei.
* * *
Gegen 11:00 Uhr schrieb Hein auf der Post ein Telegramm an Else: „Besiegte Sabes. Geld unterwegs.“
Mürrisch nahm der Beamte das Blatt hinter den Schalter, dann schien er interessiert und hob den Blick, traf gerade in Heins Augen. Als er das Geld hinzählte, streckte er die Hand vor: „Meine Gratulation Monsieur Felseck!“
Draußen erwartete ihn Giovanni, welcher seine Rechte in Heins Arm hakte. Sie passierten die Brücke De Arche[8] und standen vor der Notre Dame[9]. In überwältigendem Kontrast hob sich der wuchtige Bau mit seinen zwei breiten, abgeflachten Türmen von den ihn umgebenden, wie wahllos hingesetzten Blocks meist altertümlicher Hauser ab. In drei hohen Torbögen befanden sich Doppeleingänge mit schweren eisenbeschlagenen Türen.
Das Wetter war trübe, feiner Regen rieselte hernieder. So strebten sie eiligen Schrittes dem Louvre[10] zu, ergingen sich lange in Betrachtungen berühmter Gemälde.
Im zweiten Stockwerk ließen sie sich am Fenster eines Seitenflügels nieder. Vor der Längsfront des Louvre zog sich die Seine hin. Träge floss das grüne Wasser, fast alle hundert Meter von Brücken überquert, deren Geländer mit Obelisken und Figuren besetzt waren.
Weiter rechts reckte sich hinter schlanken Türmen und dem mattweißen, wuchtig gewölbten Überbau des Invalidendomes gigantisch der Eifelturm gegen den Himmel. Die Krone war kaum zu erkennen und schien in den niedrig ziehenden Wolken zu stecken.
Ansicht Paris zur Weltausstellung 1900, zeitgenössische Postkarte, Quelle: Wikimedia (online)
Giovanni scherzte: „Eine richtige Himmelsleiter!“
„Schön bequem“, meinte Hein: „Wenn unser Weg so gerade wäre.“ Er war müde, trotz der Freude. Die vier Wochen hatten ihn ständig in Aufregung gehalten. Wann würde man ringen und mit wem? Gottlob, nun war es bald überstanden: „Jetzt bekomme ich erst Lust, mich für etwas anderes zu interessieren.“

„Du bist im Finale!“, ermunterte ihn der Italiener: Das ist ein großer Erfolg!“, und setzte etwas melancholisch hinzu: „Und ich werde morgen abreisen nach – –.“
„Du bleibst!“, unterbrach Hein ihn unwillig: „Abgemacht ist abgemacht!“ Er streckte dem Freunde die Hand entgegen: „Euch danke ich es doch, dass ich hier bin und mir einen kleinen Namen machen konnte.“
„Einen kleinen? Du machst Dich bald heraus.“ „Oh!“, rief Giovanni dann, indem er auf Heins Schlips starrte, den eine zarte Wachsperle in goldener Fassung zierte.
„Ja!“, Hein nickte lachend und gewichtig: „Ein Franzose schenkte sie mir auf dem Heimweg, lud mich sogar ein. Ich sagte ihm aber, dass ich nur komme, wenn ich meinen Freund Giovanni mitbringen darf!“
Dieser war hocherfreut und nahm die Nadel zur Hand: „Sie ist gut zweihundert Franken wert!“
Hein warf sich in die Brust? „Ich habe noch mehr!“
„Was?“
„Verträge für Wien, Konstantinopel. Für je vier Wochen!“
„Oh! Ich sehe Dich lachen?!“, war Giovanni überrascht.
Hein schmunzelte: „Jetzt darf ich es auch!“ – „Erst die Arbeit, dann die Freude.“ – „Aus Hamburg, München und Berlin erhielt ich Angebote. Denke Dir! Telegraphisch!“
„Vielleicht sind wir in Konstantinopel und Berlin zusammen?“, hoffte der Italiener: „Mein Bruder verhandelt für mich!“
„Das würde herrlich!“, frohlockte Hein. Er war ja ein guter Kamerad. Es müsste schön sein, mit ihm öfter zu reisen, immer vertrauter zu werden. – Es fiel ihm wieder ein, dass Kittler am Vorabend, nachher beim Abschied, etwas reserviert war. Sollte er etwa eifersüchtig auf den Erfolg sein? Hein, das war nicht möglich, wohl eine Nachwehe des erlittenen Unrechts!
Sie gingen durch die Straße der Nationen, die märchenhaft schöne Bauwerke zierten, den Mittelpunkt des Ausstellungsgeländes[11], vernahmen ringsum, oft von Musik übertönt, fremdsprachige Reden.
Froh sah Hein auf: „Wollen wir in meiner Heimat zu Mittag essen, wenn es nicht zu teuer ist?“
Vor ihnen erhob sich das Palais de l‘Allemagne[12]. Das Haus war sehr einfach und glich einem rheinischen Rathaus. Die weiß geputzte Fassade war geschmackvoll bemalt.

Er fühlte sich mächtig angezogen, Heimatgefühle beherrschten ihn, ließen das Sehnen nach Else und Netta in ihm aufwallen. Schweigend nötigte er Giovanni vorauszugehen. „Wann werde ich die Heimat wiedersehen?“, sagte er beim Eintreten.
Giovanni versuchte, ihn zu trösten: „An die Trennung musst Du Dich gewöhnen. Umso größer ist nachher die Freude – und wir sehen die ganze Welt!“
Hein nickte nur.
* * *
Hemmungslos raste ein Zug durch die Steppen der ungarischen Tiefebene.
In einem Abteil zweiter Klasse saß Hein, müde, wie stumpfsinnig; gegenüber und neben ihm Kittler mit seiner Frau, der Münchener Sauer, Clement le Terrassier, Clorente, ein Südfranzose, und der Spanier Axa. Die beiden letzteren schliefen, während die übrigen sich angeregt unterhielten.
Hein nahm keine Notiz von ihnen. Kalter, etwas modriger Duft drang durch einen Fensterschlitz. Das monotone Lärmen des Zuges, das wie schnell und endlos rasselnde Ketten klang, tat ihm wohl. Wäre das Fenster doch ganz auf, damit es, lauter werdend, seine Gedanken verscheuche. Er war unzufrieden. Zwar war ihm schon viel vor die Augen gekommen: Berlin, Wien, der Balkan, und Else hatte er einmal auf eine Woche nach Brüssel kommen lassen. Das waren schöne Tage. Auch Erfolge konnten verzeichnet werden. Doch zwischen den Engagements lagen viele Pausen, die zur Heimfahrt zu kurz waren. So langte das Geld kaum.
Auch reute es ihn, sich dann zu früh in Köln gezeigt zu haben. War auch sein Fortschritt nicht zu leugnen, so kränkte es ihn doch, dass er acht Tage vor Beendigung der Konkurrenz ausscheiden musste. Gewiss, die Elite des Kontinents war am Platze, Gewichtsgruppierung erfolgte nicht, trotzdem war er überzeugt gewesen, ins Finale zu kommen. Ausscheiden in der Heimat, das beschämte, erniedrigte ihn so sehr, dass er andern Tags zur Mutter floh, ohne eigentlich zu wissen warum. Erst als Jaköbchen ihn laut und innig bat: „Sag doch Hein! Warum weinst Du?“, da wusste er es.
Schlimmer aber noch war das kurz Vorausgegangene, die entsetzliche Szene, nachdem er das von den Preisen entblößte Vertiko gesehen. Da hatte er Else geschlagen. Sein Liebstes – sich selbst! Wie das nur geschehen konnte? Die groß und klagend, durch das wirr über dem Gesicht hängende Haar, ihn anstarrenden Augen brachten es ihm zum Bewusstsein. Ein Bild, das er nicht loswurde, die ganzen Wochen, auch jetzt nicht, da der Zug ihn seit fünf Tagen weit und weiter von ihr forttrug. Die größere Schuld lag ja auch bei ihr selbst, da sie ihn, statt seinen Schmerz zu verstehen, verhöhnt hatte: „Sollten wir die Preise vielleicht fressen! Du schaffst doch kein Geld heran. Du nicht!“ Wie das noch in ihm nachklang, so schmerzlich, so oft er daran dachte. Aber das konnten nicht ihre eigenen Gedanken sein, sicher waren da andere mit im Spiele. Lange Trennung war eingetreten. Zwei bis zweieinhalb Jahre. Es war wohl gut so.
Der Zug passierte ein dunstiges Tal, kam in ein weites Flussbett. „Passkontrolle!“, rief ein Beamter.
Sie befanden sich in einer Ebene, in der braugrünlich schimmernd große Flächen unter Wasser standen, trocken schien nur der schnurgerade Bahndamm zu sein, die Ufer der Donau waren unregelmäßig und in einer Kurve durch Überschwemmung vollständig verschwunden, während sich weit rechts und links graue, teilweise schneebedeckte Höhenrücken hinzogen.
„Morgen Abend um 10 Uhr sind wir in Konstantinopel“, hörte Hein jemanden sagen. Seufzend lehnte er sich zurück und sank in leichten Schlummer.
* * *
Fortsetzung folgt!!!
[1] Das Casino de Paris befindet sich in der Rue de Clichy 16 im 9. Arrondissement und ist eine der bekanntesten Musikhallen von Paris, seine Geschichte reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Vgl. Casino de Paris, WIKIPEDIA (online; 20.04.2023).
[2] Championnat du Monde de Lutte Paris (Ringer–Weltmeisterschaft) / Frankreich, Casino de Paris vom 06. November bis 18. Dezember1900, Promoter: Sportzeitschrift Le Vélo. Vgl.: TURNIER–DATENBANK / TOURNAMENT DATABASE: 1897–1909 as of 08.10.2022, wrestling-titles.com (online | PDF; 06.08.2023); E-Mail von Ronald Großpietsch vom 17.09.2023.
[3] „Das Lorgnon ([…] eine Entlehnung aus dem Französischen, von lorgner = ‚anstarren‘, ‚hingucken‘, ‚lugen‘), auch Lorgnette oder Stielbrille genannt, ist eine Sehhilfe, die mit Hilfe eines angebrachten Griffs mit der Hand vor die Augen und nicht über Bügel zu den Ohren gehalten wird“ (Lorgnon, WIKIPEDIA [online; 17.09.2023]).
[4] Bei der „Krawatte im Stande“ und „am Boden“ handelt es sich um für Amateure verbotene Griffe. Die Griffe sind gefährlich, da sie schnell zu einer „Schädigung der gesunden Glieder und der Gesundheit überhaupt führen können“. Vgl. A. v. Guretzki: Der moderne Ringkampf, 3. vermehrte und verbesserte Auflage, Leipzig: Verlag von F. W. Gloeckner & Co., 1913, S. 101 ff.
[5] Maurice Gambier (Bordeaux/Frankreich) gewann 1897 in Brüssel das Championnat du monde de lutte et d’athlétique (Austragungsort war der Cirque Royal). Vgl. TURNIER-DATENBANK / TOURNAMENT DATABASE: 1897-1919, wrestling-titles.com (online | PDF; 17.09.2023).
[6] Fernand Sabes.
[7] Emile Vervet, geboren in Paris, vgl. Emile Vervet, wrestlingdata.com (online; 17.09.2023).
[8] „Pont de l’Archevêché ist eine Straßenbrücke über die Seine in Paris. Er führt vom linken Seineufer über deren südlichen Arm zur Île de la Cité und verbindet dabei das Quartier Saint–Victor des 5. Arrondissements mit dem Quartier Notre–Dame des 4. Arrondissements“ (Pont de l’Archevêché, WIKIPEDIA [online; 17.09.2023]).
[9] „Die römisch–katholische Kirche Notre-Dame de Paris (deutsch ‚Unsere Liebe Frau von Paris‘) ist die Kathedrale des Erzbistums Paris. […] Ihre charakteristische Silhouette erhebt sich im historischen Zentrum von Paris auf der Ostspitze der Seine-Insel Île de la Cité im 4. Pariser Arrondissement. […] Die beiden Türme aus Naturstein sind 69 Meter hoch. Das Kirchenschiff ist im Inneren 130 Meter lang, 48 Meter breit und 35 Meter hoch; es bietet bis zu 10.000 Personen Platz“ (Kathedrale Notre-Dame de Paris, WIKIPEDIA [online; 10.04.2023]).
[10] „Der Louvre, offiziell das Louvre-Museum (französisch Musée du Louvre), ist ein Kunstmuseum im 1. Arrondissement von Paris. Er befindet sich im historischen Louvre-Palast, der ehemaligen Residenz der französischen Könige, am rechten Ufer der Seine“ (Louvre, WIKIPEDIA [online; 17.09.2023]).
[11] Es ist das Ausstellungsgelände der Weltausstellung 1900 in Paris gemeint.
[12] Beim „Palais de l‘Allemagne“ handelt es sich um den deutschen Beitrag zur Weltausstellung von 1900 in Paris. Vgl. Allemagne – Expo Paris 1900 (online; 12.11.2023).

