Hein leidet unter einem schlimmen Furunkel, der von einem Arzt aufgeschnitten werden muss, um eine Blutvergiftung zu verhindern. Sportliche Erfolge bleiben aus, und er denkt ans Aufgeben. [1902]
Hein schritt mit einem Begleiter unter Eichen auf eine Höhe zu. Parallel zu ihrer Wegrichtung zog sich eine Landstraße hin. Er trug den linken Arm in einer schwarzen Binde. Seine Augen waren tief beschattet, der Gesichtsausdruck verriet Kummer.
Er wandte sich an seinen Gefährten: „Was soll werden, wenn ein Arzt mir die Sehnen zerschneidet. Meine Form geht mehr und mehr zurück: alle Chancen zerrinnen.“
Mehr noch als der physische drückte ihn der seelische Schmerz nieder. War er doch durch ein gefährliches Geschwür ganz aus der Bahn geworfen, da der Arzt ihm den Arm tief aufschnitt. Dass er immer wieder Karbunkel[1] fing, rückte diese Möglichkeit in greifbarere Nähe. So saß er in Chemnitz bei Curt Dieze, einem gutgestellten Freunde, fest, der ihn eingeladen hatte, bei ihm zu bleiben. Nur ungern folgend, hoffte er, es später entgelten zu können. Von Elses Aufwartelohn zu leben, wäre ihm noch qualvoller gewesen. Eine weitere Sorge kam hinzu. Die immer wieder eintretende Infektion konnte das Blut vergiften.
„Das macht mich direkt unglücklich“, klagte er wieder.
Dieze war ein gesetzter Mann, mit rundem Gesicht, in dem das Kinn stark hervortrat. Durch einen goldgefassten Kneifer schielte er ernst zu Hein hinüber. Er hatte ihn liebgewonnen, da er mit einer Leidenschaft an seinem Beruf hing, die man nur selten beobachten konnte. Er lachte gutmütig: „Es ist unklug, allzu scharf zu rechnen. Das macht Sie erst wirklich krank, mein Lieber!“
„Der Frau und des Kindes wegen muss ich doch auf die Erhaltung meiner gesunden Glieder bedacht sein. Sonst ist mir nichts zu hart, ich überwinde es.“ Einer plötzlichen Eingebung folgend, fügte er hinzu: „Es ist am besten, ich gebe das Ringen ganz auf.“ Ein anhaltender, stechender Schmerz zog ihm durch die Brust.
Dieze sah ihn, stehenbleibend, groß an: „Heinrich! Was sagen Sie da! – – Herr Felseck!“
„Mir bleibt keine andere Wahl. Über zwei Jahre irre ich nun herum, lebe knapp von der Hand in den Mund und bange ständig um den kommenden Tag!“
„Keine lange Zeit im Kampfe um ein hohes Ziel! Denken Sie daran, wie schwer mancher andere hochgekommen ist!“
„Andere haben von Natur aus bessere Anlagen, daher wahrscheinlich auch bessere Nerven. Die ich kenne, hatten auch am wenigsten von Hause aus materielle Not“, Hein war erregt: „Verstehen Sie, ich meine nicht Beschränkung, sondern Not!“
„Ich weiß es ja“, bemühte sich Dieze ihn zu beschwichtigen. Er dachte an die Gunst von Mäzenen, der viele Künstler und Sportsleute überhaupt ihre Entwicklung verdanken. Als Mäzen konnte er ja nicht auftreten, aber helfen wollte er gern.
„Herr Felseck“, sagte er nach kurzer Pause: „Warten Sie doch ab, bis der Arm heil ist. Bis dahin bemühen Sie sich in Ruhe um neue Engagements.“
Das verstand Hein nicht: „In Ruhe?! Und nachher zur Abwechslung einen neuen Karbunkel.“


Der Freund wollte grob werden, doch besann er sich, kannte er doch Heins empfindliche Seiten: „Es müsste etwas gegen die unsauberen Ringer unternommen werden. Aber den Direktoren ist ja der Sport ausschließlich Geschäft.“
„Das müsste von den Ringern selbst ausgehen.“
„Ja. Aber im Übrigen“, Dieze hustete verlegen: „Sehen Sie, mein Geschäft geht gut. Ich verdiene das Geld leicht. Und Sie können mir glauben, es macht mir nichts aus, ob Sie drei Wochen oder drei Monate bei mir wohnen.“
„Herr Dieze“, erwiderte Hein zerknirscht, „das quält mich am meisten.“
Da blieb jener wieder stehen, sah Hein voll in die Augen: „So sollten Sie zu einem Freunde, der es gut meint, nicht reden.“ Er sprach eindringlich: „Sie sind doch nicht zu mir gekommen, sondern ich zu Ihnen, weil Ihr Kämpfertum, weil Ihre Kunst mich begeistert hat.“ Dieze gab Hein, der mit den Zähnen die Unterlippe einziehend, stier an ihm vorbeisah, die Hand. Auf seinem Gesicht spielte ein anziehendes Lächeln.
„Ich glaube es. Ich danke Ihnen, aber – –.“
Der Freund unterbrach ihn: „Nun, kein Aber!“ Er zeigte auf einen fernen Eckgarten: „Dort ist Musik! Also kommen Sie.“
* * *
Else saß mit der Mutter in ihrer Wohnstube am Tisch. Verwirrt glitt ihr Blick über einen entfalteten Kartenbrief.
„Es ist nicht möglich!“, rief sie aus.
„Was ist denn? Lies doch Kind!“, bat die Mutter.
„Er will das Ringen aufgeben!“, erklärte Else vom Briefe aufschauend, „und als Reisender gehen!“
„Ach mein Gott!“, seufzte die Alte.
Else las laut weiter: „Seit acht Tagen lerne ich stenographieren, und so wie mein Arm besser wird, auch Maschinenschreiben. Ich denke, monatlich 125,– bis 150,– Mark zu verdienen, bei freier Fahrt, Essen und Hotel. Schluss mit dem unbestimmten Leben! Vielleicht ist es dann nötig fortzuziehen, je nachdem, welcher Bezirk mir zugeteilt wird. Es kommt mir jetzt zugute, dass ich einigermaßen Französisch und Englisch spreche.“
„Ach!“, warf die Mutter wieder ein: „Ich dachte, er hat schon was.“ Doch Else fuhr fort: „Wirst Du mir auch folgen auf meiner neuen Bahn? Oder wirst Du Dich scheiden lassen und Deinen Jugendgeliebten, den Schäfers August, heiraten? Aber dann ging ja die Welt für mich unter! Du bleibst beim ‚Felsecks Lang‘! Nicht wahr? Und wirst nicht mehr zu arbeiten brauchen. Ich freue mich, dass ich bald für immer bei Euch sein werde!“ „Siehst Du!“, begann Elses Mutter wieder sehr ernst: „So schlimm ist es. Er hat nichts vertan. Er sorgt sich sehr!“
„Ach ja!“, kam es leise von der Tochter: „Er ist mir treu.“ Sie trug einen inneren Kampf aus, denn ihre Züge spannten sich, und trat ans Vertiko. Ihre linke Hand drehte einen der Pokale ein wenig, sodass sich ihr Gesicht darin spiegelte, während sie mit der Rechten den Fuß desselben streichelte.
Es klopfte an der Tür, die sich gleich öffnete: „Wie steht Ihr denn da? Na?“, meldete sich Frau Frings: „Mir war doch so, als ob der Briefträger hier unten war!“ Und schon hatte sie den Brief in der Hand, ihre Augen saugten den Inhalt förmlich ein.
Die Mutter warf ihr einen bissigen Blick zu. Sinnend beobachtete Else die Frau.
„Ach seht! Wie nett er die Worte setzt, wie ein Schreiber. Fast möchte man alles glauben, nicht?“, das letzte Wort klang merklich spitz.
Die Alte räusperte sich.
Else zog ihr den Brief sanft aus der Hand: „Nichts für ungut, Frau Frings! Es ist verschiedenes, was nicht für jeden ist. Mein Mann hat es extra geschrieben.“
Frau Frings richtete sich auf: „Ach so! Ich bin ja auch ‚jeder‘! Dann …“, sie überlegte. Das war eigentlich empörend. Am besten, sie ginge gleich wieder. Aber, die arme junge Frau, der sie schon mal Wäsche vermittelte, brauchte auch ihren Rat gegen den Kerl, der zu faul war zu arbeiten und sich in der Fremde mit Weibern herumtrieb. Und die dumme Alte nahm ihn noch in Schutz. Sie würde schon alles erfahren: „Na“, bemerkte sie in mütterlichem Tone: „Dann komme ich morgen mal rein.“ Sie zog das Gesicht lang und riss die Augen auf: „Papier ist geduldig!“, und griff zur Tür.
„Meinst Du auch?“, wollte Else von der Mutter wissen.
Diese schmunzelte: „Ach, ich würde darauf gar nicht kommen. Und er ist doch Athlet. Da muss er vernünftig leben.“
„Denkst Du?“, wollte Else sich versichern. Das klang erwartungsvoll froh. „Und jetzt ist er krank und hat Schmerzen.“
Die Alte trat vor sie hin: „Hör nicht auf andere. Hör auf Dich selbst. Hat er Dich gern?“
Else vergegenwärtigte sich, wie er in Stunden der Liebe zu ihr war: „Oh doch!“, antwortete sie fest.
Jene lachte wieder: „Dann musst Du es selber wissen. Richtig lieben kann man nur einen“. Sie ging grübelnd um den Tisch herum: „Und das mit dem Wegziehen müsst Ihr doch erst gut überlegen.“ Sie zeigte ein wenig Kummer.
„Oh ja! Das müssen wir!“, Else dachte an Hein. Ob er noch viel Schmerzen hatte? Das Umsatteln würde ihm sicher schwerfallen. Aber ehe ihm der Arm lahm würde. Und das Leben konnte endlich besser werden: „Wir werden fast immer zusammen sein!“

* * *
Curt Dieze saß auf einem Drehstuhl vor seinem Diplomaten[2], ein schweres, gebeiztes Stück mit geschnitztem Rand und Rosetten auf den Türen. Auf der Mitte desselben stand eine Uhr im Marmorgehäuse, davor lagen Mappen. Auf den Ecken ruhten zwei Bronzeplastiken, der sterbende Achilles, und eine Ringerstellung, die Ausführung eines Armfallgriffes am Boden darstellend. An der Wand hing in großem Rahmen das Porträt einer Frau, darunter kleine Bilder von Eberle und Eugen Sandow[3], an der Seitenwand ein Bild von Hein.
Hein durchmaß mit langen Schritten das Zimmer. „Die Post müsste doch schon hier sein“, meinte er, Dieze unruhig anblickend.
Dieser zog, sich weit über die Kante des Tisches beugend, die roten Samtvorhänge zu: „Sie wird gleich kommen!“ Er war vergnügt, so sehr er auch Heins Sorgen mitempfand. Allen Bemühungen um eine Stellung, die eine feste Existenz bedeutet hätte, blieb der Erfolg versagt. So eröffnete sich die Hoffnung, dass Felseck dem Ringsport erhalten blieb. Die Aussichten waren allerdings auch hier schlecht. Angebote, die auf Dutzende von Nachfragen einliefen, waren unannehmbar.
Ein Mädchen brachte die Post, auch für Hein war ein Brief dabei. „Von Eberle. Nach Bordeaux, in vier Wochen – vielleicht.“ „Also, ich fahre nach Hause und gehe wieder arbeiten“, Heins Ton ließ keinen Zweifel zu.
„Es ist eine Brücke“, versuchte Dieze ihn umzustimmen: „Sie dürfen auf keinen Fall wieder in die Fabrik gehen!“ „Ob ich 14 Tage in Bordeaux ringe, und dann gehe, oder jetzt, das ist doch gleich!“
„Oh nein! Das Arbeiten in der Fabrik nimmt Ihnen jede Verfügungsmöglichkeit über ihre Zeit! Als Reisender wären Sie unabhängig, könnten fast täglich schwimmen, laufen, turnen, stemmen, planmäßig und jederzeit zur Matte zurück. Wenn das Training aber aufhört, werden Sie steif. Niemals bekommt man die alte Form wieder!“
„Das sehe ich ein. Aber so kann und will ich nicht weiterleben.
Dieze setzte sich zu Hein an einen runden Tisch, auf dem eine große beladene Fruchtschale stand. Es galt um jeden Preis zu verhindern, dass Felseck sein Vorhaben durchführte: „Rauchen Sie doch einmal eine Zigarre! Das beruhigt, lenkt ein wenig ab.“ Da Hein resigniert in den Rauch hineinlachte, fragte er: „Woran denken Sie nun?“
Hein erzählte von seinem Schwur vor dem Spiegel: „Das ist jetzt gerade fünf Jahre her – – –!“
Mit großem Interesse lauschte Dieze, spielte mit dem Umschlag vom Briefe Eberles, überflog dabei mehrmals die Adresse des Absenders, die er sich doch merken wollte. „Sie sind wirklich ein seltener Charakter, und das, was Sie vorhin sagten, kann nicht Ihr letztes Wort sein.“
„Ich denke doch“, erwiderte Hein jetzt ruhig.
Nun erhob sich Dieze steif: „Sie sind Ihr eigener Herr. Ich wollte es ja nur in Ihrem Interesse vermeiden.“
„Ich schulde Ihnen viel, Herr Dieze. Sie sollten mich aber auch verstehen.“
„Keiner besser als ich“, versicherte der Freund, nahm aus dem Bücherschrank eine Likörflasche und zwei Gläser: „Dann wollen wir doch gleich zum Abschied eine kleine Vorfeier machen. Heute Abend gehen wir ins Theater. Zum Reisen ist morgen noch Zeit.“ „Likör, Herr Dieze?“, wunderte sich Hein.
„Natürlich, bei diesem Anlass! Wer weiß, ob wir uns wiedersehen werden“, er schüttelte den Kopf, „Traurig. Wirklich traurig!“, lauerte verstohlen zu Hein hinüber. Dem war eigen zu Mute. Empfand er doch jetzt die unabwendbare Logik seines Entschlusses. Er würde bis ins hohe Alter in die Fabrik gehen, wie viele andere vor ihm, den Kindern zur Last fallen, bis ans Ende kümmerlich vegetieren – vielleicht auch des Vaters Schicksal teilen. War alles umsonst, zerronnen das schöne Ideal? Gab es nicht doch einen anderen Ausweg? Aber fort wollte er von hier auf jedem Falle. Die Entscheidung musste beschleunigt werden.
Er hielt Dieze, der das zweite Glas eingießen wollte, an: „Für mich nicht. Schwur bleibt Schwur.“
„Ach was, Herr Felseck! Das war doch alles für die Katze“, der Freund zwang sich zum Gleichmut und goss ein.
„Aber deshalb?“, Hein bangte, dass dies schon der erste Schritt zurück sein könnte. Zurück in die Fabrik! Wieder ausgeliefert dem Willen eines einzigen Menschen, der vermöge seines Reichtums das Schicksal Tausender bestimmte. Es mochte ja nicht überall so sein. Aber gerade jetzt kam ihm die Grausamkeit des Kommerzienrates Von Bergmann in Erinnerung. – Damals, als die Mutter ihm verbot, zum Armenpfleger zu gehen, entschloss er sich ohne ihr Wissen, mit ihm zu reden. Genau konnte er sich die Szene noch vorstellen, da er ihm auf dem Fabrikhof entgegentrat.
Er berichtete, die Mutter nähe von morgens bis abends, dazu komme die Arbeit für acht Kinder, und er selbst habe die Lehre aufgegeben, um mehr zu verdienen. Die Mutter gehe zugrunde unter der Last. So bat er, den Rest des Vorschusses von 2.000,– Mark, die der Vater genommen, und die ihm, wie auch Johann, in Raten vom Lohn einbehalten wurden, zu erlassen. Dabei brachte des Vaters Patent, wie allgemein gesagt wurde, der Firma viel Geld ein.
Von Bergmann aber hatte ihn nach kurzer Rede und Gegenrede schroff abgewiesen.
Oh! Lange war ihm damals die Arbeit zum Ekel geworden, obwohl er sich gern mühte, denn ohne Arbeit konnte ja die Welt nicht bestehen. Und das wusste er seit jenem Tage: Gerechtigkeit ist nur ein Wort. Selten empfand er bis heute, dass es mehr war. Nun sollte er zurück unter die Herrschaft eines solchen Mannes, der so furchtbar Unrecht tun durfte, ohne von Gott oder dem Gesetz bestraft zu werden, den stattdessen noch hohe Würden zierten?
Das war ein zu schwerer Entschluss. „Nun werden Sie wohl beide Gläschen trinken müssen?“, sagte er, sich zu scherzhaftem Tone zwingend.
Unruhe erfasste Dieze, da er die Flasche fortstellte. Seine Bewegungen waren sehr langsam, die Finger glitten über die Bücher. Warum fiel ihm denn nichts Vernünftiges ein? Also, er würde Eberle schreiben, dass er Hein etwas mehr Hoffnung machen möchte. War er einmal wieder in Bewegung, dann würde sich alles schon finden. Vor allem musste er noch bei ihm bleiben. Zeit gewonnen, alles gewonnen!
„Verzeihen Sie, ich muss grausam zu Ihnen sein. Sagten Sie vorhin nicht, dass Sie mir etwas schulden?“
Hein war gespannt: „Ich sagte wohl: ‚Viel‘.“
„Es wird Ihnen leidtun!“
Das konnte Hein nicht zugeben. Dieze war nicht fähig, ein Wort zu missbrauchen: „Nein!“
Jener legte bittend die Hand auf Heins Schulter: „Bleiben Sie noch acht Tage hier, zum Überlegen, und dann machen Sie in Gottes Namen was Sie wollen.“
„Das ist viel, aber nicht unmöglich“, fügte sich Hein, etwas bewegt. Durch den Spalt, den der Vorhang an der Seite des Fensters ließ, fiel ein Strahl direkt auf Diezes zufriedenes Gesicht: „Es ist zu bedenken, dass Sie vor einem folgenschweren Entschluss stehen. Ich fühle mich als Anwalt aller, die an Ihr Können glauben.“
Hein lächelte, selbst nicht wissend, ob aus Unglauben, oder weil ihm die gute Meinung des Freundes wie wohltuende Salbe seine seelischen Schmerzen milderte.
„Nun heraus! Die Sonne ruft!“, Dieze rieb sich vergnügt die Hände.
* * *
Hein promenierte auf der oberen Kante der Stierkämpfer-Arena am Rande von Bordeaux, in der Höhe eines zweistöckigen Hauses. Heiß brannte die Sonne. Scharen von hastenden Menschen strömten an ihm vorbei.
Die klare Luft erlaubte eine weite Sicht über eine mit Reben bepflanzte Ebene, die einer endlos sich ausdehnenden, von Straßen durchkreuzten Schonung ähnlichsah. Streckenweise war sie von Feigen und Olivenbäumen durchsetzt. Links schlängelte sich der silberne, weithin sichtbare Lauf der Garonne[4], während fern im Westen hinter einer schnurgeraden Uferkante das Meer sich mit dem blauen Firmament verschmolz.
Hein suchte seinen Platz. Vor ihm breitete sich ein riesiges terrassenförmig aufgebautes Becken, in dem ein Meer von Köpfen summte. Ganz unten war ein freier Platz von einer dicken, geschlossenen Holzbarriere eingesäumt.
Von der anderen Seite näherte sich ein Stier, lief suchend mit gesenkten Hörnern zur Mitte. Die Zuschauer verteilten sich schnell. Ein Kampf entspann sich, in dem der Matador zweimal den Stier verpasste. Das Volk pfiff und johlte. Beim dritten Versuch sprang das rasende Tier kurz vor ihm hoch. Der Angreifer taumelte zurück, doch der Stier warf ihn um und rannte über ihn hinweg.
Die Menge tobte in Verzückung und Wut. Hein aber war entsetzt. Wie konnte das ein Genuss sein. „Schrecklich!“, rief er aus. Viele mitleidig lächelnde Gesichter wandten sich ihm zu.
Während der Stier sich wieder wendete, versperrte ein anderer Eskadeur ihm den Rückweg und bohrte ihm den Degen tief ins Genick.
Nach dem warf ein mächtiger Stier seinen Angreifer mit den Hörnern hoch. Da er seinen Lauf stoppte, fiel dieser wieder darauf zurück. Die Massen schrien auf. Hein, in Schweiß gebadet, war keines Wortes mächtig.
„Oh! Herrlich!“, rief über ihm eine helle Stimme. Er sah sich stockenden Herzens um und gewahrte mit maßlosem Staunen, dass der Ruf von einer kaum Achtzehnjährigen kam, die ein engelsgleiches Gesicht schmückte.
Hein fand, dass es sinnlos sei, für diese Sache sein Leben zu riskieren. Aber die guten Eskadeure waren reich. In vierspännigen, schillernden Equipagen fuhren einzelne umjubelt davon.

So begütert würde ein Ringer wohl nie werden, kalkulierte er. Ja, er konnte nicht leben von seiner schönen Kunst. Drei Wochen hatten die Ringkämpfe in dieser Stadt gedauert, und kam er auch ins Finale, blieb er doch als Fünfter ohne Prämie. Noch drei Wochen musste er mit den Tagegeldern auskommen, bis in Nantes ein neues Turnier begann. Da man ihn von dort nach Paris empfehlen wollte, schien es ihm klüger, hier zu warten als im teuren Nantes. Gleichmut überfiel ihn. Er ging in ein Gartenrestaurant, sich an dem erregten Treiben unterhaltend. Sein Bemühen, den Dialekt der Bordelaiser zu enträtseln, blieb ohne Erfolg. Dafür konnte man ja öfter das Glas heben. Es war ja so nett, den Menschen zuzusehen, die sich wie Kinder tummelten.
Der Wein war so schwer, er glaubte, auf der Zunge das Gewicht zu spüren. Doch er floss so leicht, machte den Sinn so heiter und das Herz so frei. Er brauchte an gar nichts zu denken. Die fröhlichen Menschen sahen häufig zu ihm herüber, lachten ihn an. Das war doch gefällig von ihnen, da er ein Fremdling war. So lachte er recht freundlich zurück.
Als er sich erhob, wankte er ein wenig.
* * *
Bleiern wälzte sich das Wasser der Garonne. Sirenen heulten. Landeinwärts kroch ein hoher Küstendampfer. Lange Schleppkähne, hoch beladen mit rotleuchtenden Trauben, wurden von Männern, die fortwährend lange Stangen ins Wasser stießen, unterhalb der Werft dem Ufer nahegebracht, vor dem lange Ketten von Kähnen lagen. Weiter oberhalb des Flusses standen, wahllos nebeneinander gewürfelt, niedrige und hohe Häuser mit flachen Dächern wie auch spitzen Giebeln, die dem Ufer zugerichtet waren.
Von der Werftkante liefen Bohlen auf Traubenkähne und Kohlenbunker, auf denen Träger Körbe schleppten.
Unter ihnen befand sich einer, der im Gegensatz zu den übrigen sich häufig nach dieser oder jener Seite umsah, wenn er ohne Last zum Wagen ging. Bald blieb er auf der Werftkante stehen, nahm blitzschnell die Sackhaube ab, um sich mit einem weißen Taschentuch über Gesicht und Nacken zu reiben.
Jemand fragte: „Doch schwerer als Ringen, Monsieur?“, und die in der Nähe Befindlichen lachten gutmütig.
An den von Kohlenstaub befreiten Zügen erkannte man Hein, der seine blanken Zähne zeigte: „Oh nein! Nur etwas ungewohnt, der Staub und die Hitze.“
[1] „Der Karbunkel (Eiterbeule, Kohlenbeule) ist eine tiefe und in der Regel sehr schmerzhafte Infektion mehrerer benachbarter Haarfollikel oder die Konfluenz mehrerer nebeneinander liegender Furunkel“ (Karbunkel, WIKIPEDIA [online; 12.09.2026]).
[2] Hierbei handelt es sich um einen Schreibtisch. Der „Diplomat“ ist ein besonders großer, wuchtiger Schreibtisch.
[3] Eugen Sandow oder Eugene Sandow (geb. am 2. April 1867 in Königsberg, Ostpreußen, als Friedrich Wilhelm Müller; gest. am 14. Oktober 1925 in London, Großbritannien). Vgl. Eugen Sandow, WIKIPEDIA, (online; 12.09.2026). „[Sandow] gilt als Erfinder des Bodybuildings. Er stemmte Pferde, Menschen, Gewichte, kein Kraftautomat hielt ihm stand“ (Jürgen Bräunlein: Vor 150 Jahren. Geburtstag des Bodybuilding–Erfinders Eugen Sandow, Deutschlandfunk, 02.04.2017 (online; 12.09.2026).
[4] „Die Garonne (lateinisch Garumna oder Garunna, aranesisch/katalanisch Garona) ist ein Fluss, der in Nord-Spanien und Südwest-Frankreich verläuft. Sie grenzte in der Antike Aquitanien vom übrigen Gallien ab und bildet die Nordgrenze der historischen Landschaft Gascogne. Der Name leitet sich vom keltischen Stamm der Garumner her. Der Fluss entspringt südlich des Val d’Aran in den katalanischen Pyrenäen, aus einem See nahe dem Refugio de Saboredo, verläuft gut 43 Kilometer auf spanischem Gebiet und erreicht beim Ort Fos Frankreich. Auf den folgenden rund 529 Kilometern verläuft er über Toulouse nach Bordeaux, wo er mit der Dordogne zum Ästuar Gironde vereinigt in den Atlantik mündet“ (Garonne, WIKIPEDIA (online; 12.09.2026).
* * *
Fortsetzung folgt!!!
