Liebe auf den ersten Blick – ein Kuss am ersten Abend. Heinrich und Else heiraten und beziehen eine eigene Wohnung. Die Mutter fühlt sich verlassen und reagiert verbittert. [1898]
Unter blühenden Linden saßen kleine Gesellschaften, von denen unausgesetzt Stimmengewirr aufstieg. Vor einem Staketenzaun ergötzten sich Kinder auf einer Schaukel und mit Betrachtungen der Reichtümer einer Spielwarenbude.
Junge Mädchen und Männer, darunter auch Paare, kreuzten sich auf einem Pfad, der zu einem niedrigen Backsteinbau führte, aus dem gedämpft Musik klang.
„Lasst doch auf!“, rief ein mittelgroßes, kräftiges Mädchen in cremefarbener Bluse und blauem Rock. In ihrem kastanienbraunen Haar stak ein heller Kamm mit geschwungenen Linien, auf dessen Enden runde Knöpfchen saßen. Sie warf sich fest gegen die Tür, die langsam nachgab. „Warum haltet Ihr denn die Tür zu?“, fuhr sie den hinter derselben stehenden Hein an.
Hein sah in zwei große, stahlblaue Augen und war verwirrt, fasste sich langsam wieder, um in ruhigem Tone zu antworten: „Ich wollte mir den Trara nur mal ansehen.“
„Dann haltet doch andere Leute nicht auf!“, gab jene grob zurück. Else Haker musste über den komischen Blick des Verdutzten lachen und schob sich an ihm vorbei.
In einer Reihe weiterer Mädchen am Rande des Tanzfeldes stehend, bemerkte sie, dass Hein, an einem der Tische sitzend, sie beobachtete. „Pah. Was will der Griesgram denn!“, sagte sie sich, trat mehr seitwärts, damit er sie nicht mehr sehen könne.
Gleich darauf stand er dicht vor ihr, sie um Kopfhöhe überragend. Wie er sie ansah! Der stummen Einladung der ernst und arglos in ihre Seele eindringenden Augen mochte sie nun nicht ausweichen, und ehe sie etwas sagen konnte, ward sie von ihm auf die glatte Fläche geführt.
Hein fühlte sich ungemein gefesselt: „Ich möchte den ganzen Tag mit Ihnen erzählen und immer in Ihre Augen sehen.“
Das Bild Julchens tauchte einen Augenblick vor ihm auf. Er fand, dass dieses Mädel hier ein ganz anderer Schlag sei als jene. Was dabei besonders beachtlich sein könnte, untersuchte er nicht, ward sich aber schlüssig, von diesem hier nicht mehr abzulassen.
„Eigentlich möchte ich gleich ‚Du‘ sagen“, gestand er ihr.
Else Haker erschrak, dachte an ihren in solchen Fragen strengen Vater, an ihre Stellung. Vier Geschwister waren zu Hause; ihr Verdienst ein unentbehrlicher Posten im Etat der Mutter. Am ersten Tage gleich ‚Du‘? Dann konnte er selbst doch nichts Gutes von ihr halten? – Was aber, wenn er sich durch eine Ablehnung verletzt fühlte? Wenn der erste Tag zugleich der letzte wäre? – „Ist es Ihr Ernst?“ – Unter seinem offenen, bittenden Blick verflogen alle Bedenken: „Dann können Sie ja ‚Du‘ sagen.“
Zwischen bunten Papiergirlanden leuchteten dickbauchige Petroleumlampen auf. Hein rechnete es Else Haker hoch an, dass sie sich ihm wirklich anvertraut, ihr Leben vor ihm enthüllt hatte, wie er das seine: „Siehst Du? Jetzt ist es so, als ob wir schon länger zusammen gewesen wären!“
Zwei Reihen riesiger Birken flankierten, sich weithin in der Dämmerung abhebend, ihren Weg. Irgendwo sang ein Wettervogel.
Hein überfiel ein ungestümer Lebensdrang, ein bisher ungekanntes Gefühl, das nach Äußerung verlangte: „Ich möchte vor Freude etwas tun!“
Else fand dies seltsam. Es kam so unvermittelt. „Schwere Arbeit, Ringen und Stemmen fast jeden Tag; ist das nicht genug?“
„Ja! Aber ich meine doch etwas anderes.“ Er sah sich nach allen Seiten um. Gab es denn nichts, dem er seine Freude mitteilen konnte?
Ihr wurde es unbehaglich zumute: Was anderes? Sollte sie sich in ihm getäuscht haben? Hätte sie doch nur früher den Heimweg angetreten: „Aber was denn?“
„Ich muss etwas tun!“ Er sprang zur Seite, umklammerte eine junge Birke: „Ich reiße bloß den Baum aus!“
„Der Förster könnte kommen!“, zischte Else, ihn am Rock und an den Armen zerrend: „Seid Ihr denn nicht gescheit?“ Da ließ er den Baum mit einer Hand los. Sie gewahrte an ihm plötzliche Verstimmung und erriet ihren Fehler: „Du!“
Jetzt umfing er Else, die mit Not einen Schrei unterdrückte, schwang sie mehrmals um seine Achse. Beim Anhalten berührten sich ihre Wangen, und sie wussten nicht wie es kam, dass sie sich küssten.
Else rückte, noch benommen vom Schwindel, ihre Bluse zurecht: „Donnerwetter! Bist Du aber stark!“ – Wenn zufällig ein Schwätzer es gesehen und der Herrschaft hinterbrächte? Dann verlor sie ihre Stellung!
Hein wurde sich bewusst, dass er sie in eine peinliche Situation gebracht und ihr irgendwie darüber hinweghelfen müsse: „Das war aber schön. Ein Karussell! Eigentlich sollte ich Dich auf die Schultern werfen. Bist Du böse?“
Sie sah zu Boden: „Oh nein! Aber ich darf doch nicht!“ Das klang fast traurig.
„Was?!“, wunderte sich Hein, an seine gleichaltrigen Freunde denkend, die alle Bekanntschaften hatten.
„Ich kann tanzen und lustig sein. Aber ein Verhältnis würde mein Vater mir verbieten“, wollte Else ihn weiter aufklären. Aber sie durfte doch nicht sagen, dass der Vater sich um eine frühe Heirat Sorge machen würde. Das konnte unklug sein.
Hein, vermutend, dass es bei ihr zu Hause so sein werde wie daheim, kam ihr zuvor: „Darum können wir doch Freunde sein. Ich darf auch an nichts Weiteres denken!“, und umfing sie wieder.
* * *
Mathilde schritt aus ihrem Schlafzimmer in die Küche. Ihre Augen waren klein und trübe, wie angewidert verzog sie den Mund. Es roch nach Alkohol und Tabak. In der Ecke neben dem Herd stand eine Menge leerer Bierflaschen und Geschirr.
Sie öffnete die Gartentür. „Nein, nein!“, sagte sie langsam und wehmütig. In vollem Umfange traten ihr die Auswirkungen, die dem gestrigen Tage folgen mussten, vor die Augen. Hein war also verheiratet und würde aus dem Hause gehen. Ob ein Kind unterwegs war? Aber sie ließen nichts verlauten und Anzeichen waren ihr noch nicht aufgefallen.
Wie schnell das gekommen war. Fest hatte sie geglaubt, er werde bis zu 26 oder 27 Jahren bei ihr bleiben. Darum wurde er doch von ihr vom Militärdienst reklamiert.[1] Nun ging er, noch nicht dreiundzwanzig. Johann würde in wenigen Wochen von den Soldaten kommen, um gleich dem Onkel in Schlesien im Geschäft zu helfen, da dessen Sohn eingezogen wurde. So musste die Werkwohnung auch bald geräumt werden.
„Alles wird dadurch umgeworfen!“, Mathilde fluchte heftig: „Dieses Weibervolk! Kann sich nicht früh genug dem Jungen an den Hals werfen! Nur dafür hat man sie also großgezogen!“
Hein stand in Hemd und Hose hinter ihr: „Mama!“, ließ er sich vorwurfsvoll vernehmen.
Sie drehte sich schnell: „Ich soll wohl schelten, dass Du nicht schon mit 18 Jahren geheiratet hast?“
„Sei doch vernünftig!“, bat Hein wieder: „Es wird sich schon für uns alle zum Rechten machen lassen.“ Nun brauste Mathilde auf. „Vernünftig! Gut, ich bin still! Aber niemals mehr betrittst Du meine Schwelle mit dem Weib!“
Heins Stirnadern schwollen. Weib nannte sie sein Liebstes, mit dem er alles ausgetauscht, sich zu allem verbunden hatte. Wofür das! Hatte er nicht seine Pflicht getan all die Jahre? War er kein Mensch?! „Mama!“, presste er stockend, die Fäuste ballend hervor: „Meine Frau ist kein Weib! Das kann nicht Dein Ernst sein?“
Mathilde antwortete ihm nicht. Leise plätscherte es in Heins Waschbecken.
Nacheinander kamen die Geschwister und Else. „Ich habe großen Hunger“, meldete sich Cilla.
Mathilde schalt wieder: „Hättest auch nicht gerade einen Brautführer nehmen brauchen, der mit vier hungrigen Kindern herkommt. Unsere mussten für sie auf alles verzichten!“
Hein ward zerknirscht: „Mama, ich ahnte doch nicht, dass die sechs Mann doch nur kommen, um sich bei uns satt zu essen!“ „Sag nur lieber: fressen!“, Mathilde ahmte krähend eine Kinderstimme nach: „Gekochten Schinken! Frau Felseck! Gute Leberwurst! Frau Felseck! Die da!“
Mit Schmerz gewahrte Hein, dass die Mutter Else sehr lässig die Hand gab. Auf der Straße suchte er sie zu trösten: „Es ist die ewige Not.“
„So braucht sie deshalb nicht zu sein!“, muckste Else: „Not ist bei unsereins immer. Wenn es danach ginge, dürftest Du nie heiraten, weil Deine Mutter keinen Mann mehr hat!“
„Das wird sie ja mit der Zeit auch einsehen.“ Hein wusste nicht, wie er sie umstimmen sollte. Die Ehe fing mit Schulden an: „Wir werden uns schon ein ruhiges, schönes Nest bauen.“ Er klemmte ihren Arm so fest ein, dass sie einen Schmerzenslaut ausstoßen musste, ihn dann aber liebevoll ansah. Da floh sein Kummer.
„Komm! Für ein Glas Bier und Selter haben wir noch“, erklärte er vor Böhms Garten. Else aber widersprach: „Wir dürfen nichts mehr ausgeben!“ Doch Hein zog sie mit sich.
Die Decken vieler, der zahlreichen meist unbesetzten Tische, waren zum Teil vom Winde übergeschlagen. Einen Steinwurf weit hinter einer tischhohen Mauer floss in etwas tieferliegendem Bett der Rhein. Die Brücke war stark belebt. Vereinzelt trieben Männer Boote, in denen ihnen gegenüber hell gekleidete Frauen saßen, mit kräftigen Ruderschlägen stromaufwärts. Andere ließen sich in der Nähe des Ufers treiben.
Peter Böhm näherte sich ihnen: „Herzliche Gratulation, Frau Felseck!“ „Und dass Du mir der Alte bleibst!“, mahnte er Hein mit einem schielenden Blick auf Else.
Während er die Getränke holte, nahm Hein seinen Geldbeutel, fand 40 Pfennig: „Oh Du meine Güte! Ich glaubte, ich hätte noch an 2 Mark.“
„Siehst Du!“, schmollte Else: „Wären wir draußen geblieben! Komm, wir gehen“, und erhob sich. Hein hielt sie fest: „Wir haben doch schon bestellt!“
„Es fehlt uns schon morgen!“
„Sei still, da kommt er schon!“, forderte Hein: „Dann sind es eben 20 Pfennig weniger.“
Sie aber protestierte: „Oh, Du tust noch nobel!“
Böhm hatte die Szene im Kommen von weitem beobachtet.
Ahnend, um was es sich handelt, trat er in seriöser Haltung vor Else hin: „Was sagen Sie, Frau Felseck, wenn ich Sie bitte, mit Ihrem Gatten bei mir zu Mittag zu speisen? – Sozusagen zur Feier des gestrigen Tages.“
Sie sah verlegen Hein, dann Böhm an: „Aber nein!“ Dass dieser ihrem Blick auswich, benutzte sie, Hein schnell zuzuflüstern: „Wie würde das aussehen?“
Der Sohn des Hauses aber streckte den Arm nach dem Rheine aus: „Sehen Sie! Schöner können Sie es kaum haben. Die Wolken sind hauchdünn, gleich kommt die Frühlingssonne vor. Sie überlegt sich die Sache nur noch ein bisschen. Und ich lasse dabei das mechanische Klavier spielen. Gut eingeübte neue Lieder.“
Hein saß wie ein bei einer Dummheit ertappter Schulknabe da. Böhm meinte es wohl gut, aber Else hatte auch Recht. Das war wirklich fatal: „Aber wie würde das aussehen, Peter?“, stammelte er. „Grad als wenn wir wegen so etwas hergekommen wären.“
Das empörte den Freund: „Wenn Du mir das antust, verbiete ich Dir für alle Zukunft unsere Übungslokalitäten und wenn unser ganzer ruhmvoller Verein dabei hopps geht.“
Da gab Else nach: „Ach!“, sagte sie freudig: „Wenn Ihr es so ehrlich meint, wollen wir Euch keinen Korb geben.“
Hein war bewegt. Wie köstlich musste es hier im Freien munden und bestimmt würde Peter keinen Kohl oder Kraut auftischen. Noch nie hatten sie in einem Restaurant gespeist, denn zu Wettstreiten nahm er ja Schnitten mit, bestellte zuweilen eine Fleischbrühe.
Es gab Spargelsuppe, ein riesiges Kotelett mit daumendickem, butterweichem Spargel. Aus dem Hause schwang sich eine tänzelnde Weise herüber.
„Bald gemütlicher wie gestern“, verriet Hein, was Böhm ungemein freute und ihn ermunterte, ein Glas Wein anzubieten: „Einmal schadet es Dir auf keinen Fall!“
Darüber ward Hein erbost: „Das Du als Vorsitzender so bist, beleidigt mich eigentlich, Peter!“
„Aber Hein! Ich dachte ja nur heute, weil ich Dich mal gern lustig sehen wollte.“
„Stille Wasser – – – “, blinzelte Else zu Böhm hinüber.
Die Zahl der Gäste mehrte sich, doch bat der Freund Else und Hein, als er sich zurückzog: „Ihr bleibt doch noch!“
Wohl gelaunt erhob sich Hein: „So! Nun haben wir, ohne dass wir dran dachten, eine Hochzeitsreise gemacht.“ Er nahm Else am Arm: „Jetzt gehen wir in unsere neue Wohnung.“
* * *
Fortsetzung folgt!!!
[1] Vom Militärdienst reklamiert, bedeutet, vom Militärdient befreit zu sein.


