Kapitel Zwölf – NEUERSCHEINUNG

Daheim bei der jungen Familie herrscht Not. Hein debütiert als Berufsringer beim Großer Preis von Budapest. Er beschließt, mit Giovanni Raicevich nach Paris zur Weltmeisterschaft zu fahren. [1900]

Neben einem schmalen Fenster, durch dessen verblichene Gardinen man eine grauweiße Hauswand sah, stand im tiefen Winkel ein dunkles Bett. Eine gehäkelte Decke lag auf dem gestreiften Bezug, die aussah wie ein Fischernetz mit Fransen. Gegenüber ein schlankes Vertiko, darauf ein großes Trinkhorn und zwei hohe silberne Pokale, und ein mit Wachstuch bezogener Toilettenschrank, über dem in schwarzem Rahmen ein Spiegel hin.

Im Zimmer kroch ein Mädchen in einem alten Laufkorb herum: „Da, da Oma!“, rief es, sich über ihr Bild im Spiegel freuend.

Am rechteckigen Tisch saß eine alte Frau beim Stricken. Sie zeigte dem Kinde ihr kleines, überaus freundliches Gesicht: „Ja! Zwei Nettas! Ein Schwesterchen!“ „Sieh mal einer an!“

„Mama! Papa!“, Netta raste im Korb um den Tisch herum.

Else kam herein. Sie trug eine dunkelblaue Kattunbluse und auf dem Rock eine blaue Schürze. Ihre Haltung war müde, der Ausdruck nichtssagend. Mit sich aufhellendem Gesicht hob sie ihr Kind aus dem Korb. „Ach ja!“

Die Alte legte den Strumpf beiseite: „Wir essen gleich. Aber eh ich‘s vergesse, Frau Frings hat hergeschickt, Du sollst morgen waschen kommen.“

„Ach ja“, stöhnte Else wieder. Sie war ja so erschöpft. Wenn sie doch nichts mehr zu sehen und zu hören brauchte. „Vier Bütten voll hatte ich heute.“

„Ein Brief ist da. Hein hat geschrieben.“

Mit fiebernden Händen öffnete Else den Umschlag. Sie waren fast so weiß wie das Papier, schwammig und feucht die Haut, die Knöchel stark gerötet. Sie las zögernd und bewegt.

Netta meldete sich wieder: „Mama!“ Die Großmutter nahm Else das Kind ab und stellte es in den Laufkorb. „Pst!“, machte sie leise, ging mit gefalteten Händen an das Fenster, wo sie sich lauernd umwandte.

Else stöhnte laut auf. Wie schwer war doch das Leben. Die Glieder so träge, die Augen so müde! Und die Finger brannten noch vom Scheuern und Soda. Und sie hatte doch nichts. Warum war das alles so? Nun war auch der Mann weit fort. Wer konnte ihr wohl sagen, wann und wie er wiederkommt? Hatte es überhaupt einen Zweck? Wie schön wäre es, wenn er sie jetzt auf den Schoß nähme und etwas tätscheln würde. Dann konnte sie den vergangenen Tag und auch den morgigen auf ein paar Minuten vergessen. Gepresst entwand es sich ihr: „Ach Gott!“ Sie breitete die Arme auf dem Tische aus, ihre Wangen auf das Papier senkend. Er hatte es ja beschrieben, seine Hand war darüber geglitten. – So war sie ihm doch ein wenig nah.

Die Mutter trat wieder zu ihr heran, um ihr die Hände zu streicheln. „Was schreibt er denn? Gutes?“

Else richtete sich auf, fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen: „Er hat es so schwer! Die Ringer sind alles Riesen.“

„Mein Gott!“, seufzte die Alte.
„Der Türke Kara Ahmed[1] ist 240 Pfund, aber nicht größer und breiter wie Hein. An dem muss ja alles von Eisen sein.“
„Ach!“
„Und Hackenschmidt[2] auch so. ‚Ein Übermensch!‘ schreiben die Zeitungen in Budapest.“ „Und andere sind noch da.“[3]
„Mein Gott, wenn ihm da nur nichts passiert!“, meinte die Mutter.
„Denkst Du?!“, forschte Else ängstlich: „Er hat aber doch schon oft mit Schweren gerungen.“
Da lenkte die Alte ein: „Er wird sich schon helfen. Ich meine nur, früher war alles noch Freundschaft. Jetzt, wo es um Geld geht?“ „Nun komm essen!“

* * *

Durch die Straßen in Budapest zog kühler Wind, der vom Bahnhofsplatz aus eindrang. Hohe Häuser mit wechselvoll und reich verzierten Fassaden erzwangen die Aufmerksamkeit Heins, der sich auf dem Wege befand, Kittler, einen Kollegen aus Bayern, zu einem Nachmittagsspaziergang abzuholen. Heute waren sie kampffrei.

Hein hatte einen eigentümlichen, vorsichtigen Gang. Sein Spazierstock, der neu zu sein schien, bog sich leicht bei jedem Schritt.

Droschken jagten vorüber, die Bürgersteige waren stark belebt. Das weibliche Geschlecht, meist kräftig und üppig und von stolzem Gang, trug bunte Kopftücher. Soweit sie nicht barfuß gingen, staken ihre Beine in hohen Stulpstiefeln. Im Gegensatz zu ihnen trugen die Männer einfache Hemden, Schlapphüte und außergewöhnlich weite Hosen, die aus der Ferne wie lange Röcke aussahen.

Aus einem Hause, nahe dem Auslauf der Straße, trat Kittler, ein mittelgroßer Mann von auffallend gedrungener Gestalt, der etwa fünf Jahre älter war als Hein. Ein teilnehmendes Lächeln zierte das runde Gesicht, wobei eine Spitze des flotten schwarzen Schnurbartes hochwippte. „Tag, Herr Felseck! Wie fühlen Sie sich heute?“ Hein drückte ihm herzlich die Hand: „Danke, ich muss Geduld haben.“

Kittler fand Gefallen an Hein. Nach dem, was er von ihm gehört hatte, würde er sich wohl durchsetzen: „Jeder Anfang macht Mühe und Sorge. Fremde Menschen, ungewohntes Arbeiten, verstauchte Glieder und rücksichtslose Gegner. Und dazu kein Geld. Hunderte kehren um.“

Hein dachte an die hundert Mark, die Krüger ihm geliehen, um endlich, nachdem er zum zweiten Mal die deutsche Meisterschaft errungen, dem Drängen der Freunde folgend, Berufsringer zu werden: „Schulden habe ich!“

Kittler war belustigt: „Aber dies ist doch das geringste Übel!“

„Mit rund 1.000 Mark Schulden habe ich angefangen, und heute reist meine Frau viel mit mir. Durchhalten! Sie werden doch bald ausscheiden müssen, dann schaden Ihnen 8-10 Tage Ruhe bestimmt nicht.“

„Ja, ausscheiden“, meinte Hein resigniert: „Morgen gibt‘s die vierte Niederlage und Ruhe. Ich kann mich nicht damit abfinden, dass ich gleich den ersten Kampf verlieren musste.[4] Es ist aber auch Unrecht, dass ich mit 163 Pfund im Schwergewicht ringen muss.“

Kittler sah Heins Trauer und Verärgerung und lachte wieder: „An Unrecht müssen Sie sich fürs Erste gewöhnen. Daran liegt es nicht allein. Sie greifen auch forsch an, obwohl Sie erfahrenen Berufsringern gegenüberstehen.“ In Kittlers Ton lag Anerkennung: „Das beschleunigt zwar die Niederlage, aber der Direktor und das Publikum sehen das gern. Übrigens können Sie auch einige sehr beachtliche Siege notieren.“

Hein wurde wütend. Der hatte klug reden. Mit verrenkten Schultern so weitermachen. Dabei war es ihm klar, dass man ihn nicht zum Leichtgewicht zuließ, weil er die Schwergewichtskämpfe beleben, und vor allem damit ihm als Neuling nicht gleich ein Preis zukommen sollte. Doch das wollte er Kittler, dem Favoriten des Leichtgewichtes nicht sagen, es konnte sich daraus eine persönliche Rivalität ergeben. „Das ist leicht gesagt. Sechs Zehen verstaucht, und eine Schulter lahm. Wenn nicht beides zusammen wäre. Ha, ich kenne nur Angreifen!“

„Ich weiß!“, bestätigte der andere. „Es ist furchtbar schmerzhaft. Aber gerade, weil es Kara Ahmed ist, angreifen! Sie sind das Leiden schneller los und gewinnen die Gunst des Publikums. Und“, Kittler drehte im Gehen den Kopf zu Hein herauf, „nebenbei ist Ahmed Türke. Die Ungarn fügen sich zwar ungern der österreichischen Kaiserkrone, aber die grausamen Eroberungszüge der Türken werden ewig im Volk fortleben!“

Kara Ahmed (1870-1902), Quelle: Wikimedia (online)

Vgl. Walter Becker: Die bedeutendsten Ringer der Welt, Berlin: Walter Becker Verlag, 1922

„Meinen Sie?“, zweifelte Hein.
„Oh doch! Ein wenig Politik muss man auch einkalkulieren. Natürlich unter Wahrung der heimatlichen Farben.“
„Sport mit Politik?“, sagte Hein grübelnd. Kittler aber hob einen Finger: „Sie werden es noch bitter erfahren!“

Hein gab ihm recht, obwohl er nicht überzeugt war: „Warum soll ich es nicht glauben. Immerhin muss ich gestehen, dass ich in den 14 Tagen mehr gelernt habe als in all den Jahren, da ich unter den Amateuren einer der Besten war.“

Diese Offenheit erfreute Kittler sehr: „Also! Und Hackenschmidt hat sich auch bereit erklärt, jetzt täglich mit uns zu trainieren. Jeden Morgen drei Stunden. Wollen Sie?“ Er sah Hein scharf an; gespannt darauf, was Hein wohl antworten würde.

Georg Hackenschmidt (1878-1968), Quelle: Eesti muuseumide veebivärav (online)

Vgl. Walter Becker: Die bedeutendsten Ringer der Welt, Berlin: Walter Becker Verlag, 1922

Hein lachte grimmig. Bei seinen Schmerzen sollte er mit diesen Leuten trainieren? Und doch, die Gelegenheit musste er nutzen. Das Ertragen von Schmerzen gehörte eigentlich zum Beruf. „Es ist gut!“

„Na! Nachher ein Bad und bis abends ins Bett. Wir müssen als Landsleute doch zusammenhalten.“

Am Rande der Stadt winkten die Höhen von Ofen-Pest, durch deren Lichtungen Abendrot sich zeigte. An den Hängen klebten romantisch gelegene Villen.

„Bitte sagen Sie“, fragte Kittler zwei Mädchen in malerischen Trachten, „ist es zum Zirkus noch sehr weit?“

„Stunde, langt“, antwortete die Ältere höflich in gebrochenem Deutsch, während die Jüngere einen Knicks machte: „Bitte sehr, mein Herr, sollen wir Sie führen?“ Hein sah verlegen auf.

Kittler dankte und rief eine Droschke an. „Die Budapester sind so freundliche Menschen“, informierte er Hein, als sie im Wagen saßen, und erzählte ihm von der sprichwörtlichen Gastfreundschaft der Ungarn. „In früheren Zeiten war es üblich, einem Reisenden ein Rad vom Wagen zu nehmen, wenn er eher, als es dem Gastgeber gefiel, aufbrechen wollte.“

Monumentale Bauten mit vielfach orientalischen Linien tauchten in die Dämmerung. Allenthalben eroberten Lichtreflexe sich Raum.

* * *

Im halbdunklen, weiten Raum des Zirkus war es still, nur leises Summen schwirrte über den gedrängt sitzenden Massen. In den vorderen Ringen saßen viele Offiziere, Frauen in bestrickten seidenen Kleidern. Teils starr, teils gefällig verfolgten sie die Bewegungen der Männer, die oben von einem quadratischen Lichtkegel befallen, miteinander rangen.

Verbissen kämpfte Hein mit dem übermächtigen Gegner. Kara Ahmet hatte ein ovales, gutmütiges Gesicht, das von kurzgeschorenem Haar umrahmt war. Am Halse trug er ein Amulett.

Mehrmals glückte es Hein, sich aus gefährlichen Lagen zu befreien, doch wollte ihm die Durchführung eines Griffes nicht gelingen. Jener sprengte einen angesetzten Kopfzug[5], wodurch Hein über den Rand des Teppichs zurücktaumelte.

Es müssen doch bald zehn Minuten vorbei sein, dachte er, indem er langsam wieder auf den Türken zuging. Seine Zehen brannten, als stäken sie in Feuer, die rechte Schulter war wie lahm. So aber der andere den Arm fasste, zog es sich ihm wie ein Messerschnitt unter dem Schulterblatt her.

Kara Ahmed erwartete ihn mit seitlich, vorwärts sich hebenden Armen. Ein Anfänger, mit dem er bald fertig sein würde.

Hein, glaubend, eine Chance erspäht zu haben, hielt, sich defensiv stellend, die Fäuste noch zusammen, um ihm dann schnell unter die Arme zu fahren. Ahmeds Füße hoben sich vom Boden.

„Oh!“, rief es hundertstimmig im Zelt.

Im Niedergehen bemerkte er, wie sich sein Griff lockerte, beide lagen noch umschlungen, auf einer Schulter. Er fühlte sich eisern umspannt, vermochte kaum noch zu atmen. Mit äußerster Anstrengung entwand er sich, stand auf den Beinen.

Ihm gegenüber Ahmed, der wütend und laut rief: „Hoah!“– Wie war das möglich geworden? Felseck?!, sann er schnell. Das war doch ein gänzlich Unbekannter!? Hatte er ihn nicht auf dem Wege zur Garderobe hinken sehen? Und der wollte ihn überrumpeln? „Hoah!“

Hein, schon froh, dass er sich noch einmal befreien konnte, musste über diese ihm gänzlich neue und drollig erscheinende Art des Türken laut auflachen und ging einen Schritt zurück, worauf der lebhafte Beifall von schellender Heiterkeit verdrängt wurde. Ahmed war zunächst verblüfft, dann vom Gelächter angesteckt, und ging nun grinsend auf Hein zu.

Nach kurzem Geplänkel fesselte er mit der Linken Heins rechtes Handgelenk und drehte sich, indem er mit der rechten Hand über dessen Nacken unter das rechte Schulterblatt griff.

Hein versuchte, mit der Linken sich abzudrücken. Doch fühlte er sich bereits gehoben und unwiderstehlich gefesselt.

„Sieger Ahmed durch Hüftschwung in 8 Minuten 40 Sekunden“, sagte der Kampfrichter an.

Hein, ein Frottiertuch über den Schultern, begab sich zur Garderobe. Zwei Ringer waren beim Ankleiden, während zwei andere, völlig nackt, sich wuschen. An den Wänden hingen, mit Nadeln angesteckt, Bildpostkarten von Athleten, Tänzerinnen und Artisten, an einem runden Garderobenständer Straßenkleider und Hemden.

Schweißgeruch umgab die Männer. Einer stülpte sich, in einem Bottich stehend, einen kleinen Eimer Wasser über den Kopf, warf das Gefäß auf die Erde und rieb sich mit beiden Händen kräftig die Brust. „Nun sieh, Vater“, sagte er in gutmütigem Tone: „Hast Dich doch ganz gut gehalten.“

„Sei zufrieden, dass Du es hinter Dir hast“, tröstete ihn der Zweite. Hein gefiel das, und er nickte nur. An den Spitznamen ‚Vater‘, den sie ihm gegeben, weil er immer so ernst war und fortwährend grübelte, hatte er sich schon gewohnt.

Hinter ihm trat Kara Ahmed ein, klopfte ihm freundlich auf die Schulter: „Wie können Sie denn Vater machen solche Witze.“

Hein verzog, abwehrend die Hand erhebend, das Gesicht: „Weg da! Zerbrechlich!“

„Das sein mal so“, bedauerte der Champion.

* * *

Auf der Straße näherte sich Emilio Raicevich[6], ein Italiener, Hein. Er war in Sorge um seinen Bruder, der mit ihm an der Konkurrenz teilnahm, hatte er sich doch entschlossen, in Budapest zu bleiben, nachdem er ein lohnendes Angebot als Leiter einer Ringerschule erhalten. Der Bruder war zwar schon seit dem 16. Lebensjahr Berufsringer, aber gerade 19 Jahre alt. Heins ernste Lebensauffassung ließ ihn als Gefährten und Betreuer desselben geeignet erscheinen: „Hätten Sie nicht Lust, Ende November nach Paris zur Weltausstellung zu fahren?“

„Sie scherzen!“, rief Hein erstaunt: „Wer hätte da nicht Lust zu!“ „Sehr ernst! Ich habe mit meinem Bruder zusammen einen Vertrag zur Teilnahme an der Weltmeisterschaft. Wollen Sie an meiner Stelle den Vertrag erfüllen?“

Hein war freudig erregt. Die Stimme des Kollegen, mit dem er selten ein Wort gewechselt – sie verstanden ihn ja alle so schlecht –, klang so ernst, fast bittend. – Nach Paris! Im Leichtgewicht! In zwei Monaten würde er noch viel lernen. Wenn nur sein Geld reichte. Schon die bloße Teilnahme an der Konkurrenz war eine bedeutende Erfahrung für spätere Engagements. „Aber wie denken Sie sich das?“ Dass die Verständigung nicht so glatt vonstattenging, machte ihn unruhig.

Raicevich lud ihn in ein nahes Restaurant. Die Gäste saßen an meist kleinen Tischen beim Kaffee. Eine Zigeunerkapelle[7] spielte einen wilden Csárdás.[8]

Der Italiener erklärte ihm: „Der Direktor hat mir auf Befragen versichert, er werde Sie mit nach Graz, und wenn Sie halten, was man sich von Ihnen verspricht, auch mit nach Nürnberg nehmen.“ Seine Stimme verriet Sorge. „Ich meine, Herr Felseck, werden Sie aushalten bis zum Beginn der neuen Konkurrenz, mit Essen und Wohnung? Und wenn Sie sollten in Graz auch vorher ausscheiden, dann auch?“

Hein wusste, zurück wollte er nicht: „Ich muss!“

Der Italiener war erfreut: Man muss dem sympathischen zähen Jungen Mut machen: „Sie werden sich ja auch noch bessern, also sicher bis Nürnberg mit meinem Bruder zusammen sein. Ich denke, der Direktor in Paris wird Sie akzeptieren.“

„Wenn ich aber doch nicht angenommen werde, sitze ich in Paris fest.“

Ein schrecklicher Gedanke ergriff Hein. So mancher hoffnungsvolle Anfänger, Ringer, Rennfahrer, Künstler, geriet in Paris, durch immer neues Hoffen zum Bleiben gereizt, in die Unterwelt; wurde vergessen oder kam gebrochen zurück.

„Es soll dort ein gefährliches Pflaster sein für Obdachlose.“

„Aber nein!“, rief Raicevich: „Dann schicke ich Ihnen telegraphisch das Geld für die Rückfahrt! – Ihre Hand!“

Hein sah Raicevich tief in die Augen. Er war ihm doch wildfremd! Dazu ein Ausländer! Was wusste er vom Charakterleben der Italiener? Vielleicht lag dem nur daran, seinen Bruder gut nach Paris zu bringen. Dort konnte er Bekannte haben und ihn sitzen lassen. – Doch sein Bangen verflog unter dem festen und doch so weichen Blick der braunen Augen des Italieners. Fest drückte er die dargebotene Hand.

Er wob in die wehmütig-wilden Weisen der Zigeunerkapelle Bilder aus Paris. Er würde ‚Notre Dame‘, den ‚Louvre‘, den ‚Eifelturm‘ sehen, in der Zentrale der Welt, dort mit den besten Ringern zusammentreffen. – Er erhob sich, da die Musik, in allzu großem Kontrast zu seinen Gedanken, ihm eine unerträgliche Störung ward.

Giovanni Raicevich (1881-1957); Sammlung MisterKappa

Vgl. Walter Becker: Die bedeutendsten Ringer der Welt, Berlin: Walter Becker Verlag, 1922

„Und morgen gehen wir zusammen mit Giovanni aus!“, verabschiedete sich der Italiener wohlgelaunt auf der Straße.

* * *

Fortsetzung folgt!!!


[1] Kara Ahmed (geb. 1870; gest. 1902) wurde Weltmeister bei der 2. Weltmeisterschaft in Paris (3. bis 5. November 1899) im Casino de Paris (vor Laurent le Beaucairois und Constant le Boucher). Vgl. The Scottish Wrestling Bond (online; 12.04.2026).

[2] Georg Hackenschmidt (Georg Karl Julius Hackenschmidt, geb. am 20.07.1878 in Tartu; gest. am 19.02.1968) war der erste offizieller Amateurweltmeister im Ringen. Vgl. George Hackenschmidt, genickbruch.com (online; 12.04.2026).

[3] Der Große Preis von Budapest fand vom 29. September bis 17. Oktober 1900 im Thiergarten (Circus Wulff) in Budapest (Ungarn) statt. Heinrich Weber gab dort sein Debüt als Berufsringer. Am 8. Oktober unterlag er Georg Hackenschmidt und am 9. Oktober Kara Ahmed. Vgl. Kampfbilanzen für Heinrich Weber, genickbruch.com [einsehbar nach Registrierung auf der Webseite] (online; 12.04.2026); TURNIER–DATENBANK / TOURNAMENT DATABASE: 1897–1909 as of 08.10.2022, wrestling-titles.com (online | PDF; 12.04.2026).

[4] Am ersten Tag der Veranstaltung hat Heinrich Weber gegen Auguste Robinet verloren. Vgl. Kampfbilanzen für Heinrich Weber, genickbruch.com [einsehbar nach Registrierung auf der Webseite] (online; 12.04.2026).

[5] Beim Kopfzug handelt es sich um eine Technik beim Ringen. Mit einem Arm wird der Kopf des Gegners umklammert und eine dem Armzug ähnliche Bewegung ausgeführt. Hierbei wird der Gegner, meistens aus dem Stand, auf die Matte befördert. Beim Armzug zieht der Ringer an einem Arm des Gegners und reißt den Gegner mit dem Arm in Richtung Matte herunter. Vgl. Ringen, WIKIPEDIA (online; 12.04.2026).

[6] Emilio Raicevich (Emilio Ruggero Raicevich, geb. 1873; gest. Oktober 1924 in Folge einer Verletzung, die er sich bei einem Match zugezogen hatte). Seine Brüder waren Giovanni Raicevich (geb. 10. Januar 1881; gest. 1. November 1957) und Roberti Raicevich (geb. 18. April 1878, gest. 1915). Vgl. Emilio Ruggero Raicevich, genickbruch.com (online; 12.04.2026); Giovanni Raicevich, genickbruch.com (online; 12.04.2026); Roberti Raicevich, genickbruch.com (online; 12.04.2026).

[7] „Zigeuner ist im deutschen Sprachraum ein umstrittener Ausdruck für ethnische Gruppen wie die Roma und Sinti und teilweise darüber hinaus für weitere Gruppen, die von Dritten damit assoziiert werden (‚fahrendes Volk‘). Viele Roma und Sinti sowie Jenische weisen den Ausdruck als diskriminierend zurück“ (Zigeuner, WIKIPEDIA [online; 12.04.2026]).

[8] Csárdás ist eine Musik und eine traditionelle Tanzform der Bevölkerung Ungarns sowie der Nachbarländer – insbesondere Siebenbürgens. Vgl. Csárdás, WIKIPEDIA (online; 12.04.2026).